Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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RUNDSCHAU

NEUERWERBUNGEN DER MANNHEIMER
KUNSTHALLE
Lebendige Kunstinslitute! — wir haben nicht
viele. Die Mannheimer Kunsthalle ist sicher
eines der lebendigsten im Reiche. Und sie be-
weist, daß Tradition keineswegs Erstarrung
werden muß. Die von Wiehert begründete
Tradition wird hier lebendig weitergeführt,
und sie sichert dieser jungen Stätte den eige-
nen Wuchs. Unsere Zeit ist ja Gott sei Dank
dazu gelangt, den Begriff des Museums aktiv
zu machen: Aufzeigung, Entwicklung, Wir-
kung! Und die Mannheimer Kunsthalle, wo
nach einem W ort, des Begründers „das Licht
auch nachts nicht ausgehen darf“, stellt mit
ihren stets sich verjüngenden Sammlungen,
ihrem graphischen Institut und ihrer Biblio-
thek, mit ihren Ausstellungen und Vorträgen
den Typus solcher regsamen modernen Kunst-
stätte in bestem Sinne vor.
Die Fortführung der Sammlung ergibt sich
eindeutig aus der Gründungsanlage: M o -
derne Kunst vom ig. Jahrhundertbis
heute. Aber auch solche Eindeutigkeit läßt
noch Auslegungsmöglichkeiten zu. So kommt
es, daß man auch hier noch den jeweils be-
stimmenden Geist in den Schichten der Be-
stände ablesen kann. Und dies nicht nur in


Hans Marees Doppelporträt Hildebrandt-Grant
Neuerwerbung der Mannheimer Kunstballe
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der Horizontale: zeitliche Fortsetzung ins
Heute, — sondern auch in der Vertikale: Er-
gänzung und Ausbau des Früheren. So, wenn
man unter der deutschen Malerei des späten
Jahrhunderts die Landschaft Karl Haiders
sieht, die hier gar nicht als Fremdkörper unter
den Impressionisten, vielmehr als Akzentuie-
rung des Ganzen nach einer bestimmten Seite
hin wirkt. Eben nach jener Seite geschärften
und merkwürdig distanzierenden und doch
wieder mikroskopierenden Sehens, das unter
dem heutigsten Erlebnis der Moderne, einem
„gläubigen Realismus“, wieder Ausdruck ge-
winnt. Die horizontal letzte Schicht der Er-
werbungen, die Groß, Dix, Scholz, Kanoldt,
— werden solcherweise vertikal gleichsam prä-
ludiert, ihr Erlebnis man möchte sagen: im
tieferen Sinne historisch legitimiert.
Aber nicht einseitig dieser Mythos der Sachlich-
keit ist es, mit dem Hartlaub, Wicherts Nach-
folger, dessen Sammlung nun imprägniert.
Er wahrt den objektiven Gharakter in der Er-
gänzung, die vom Sinn dieser Kunsthalle vor-
gezeichnet ist. Ja, es bedeutet verstärkte Ob-
jektivierung, wenn nun historisch Cäsuren ge-
schaffen werden, sogar in der Trennung der
Meisteroeuvres, die zwei Epochen angehören
(z. B. Trübners in die vorimpressionistischen
und in die impressionistischen Bilder, jene in
der Hängung vor —, diese spätergerückt). Da-
mit sind Entwicklungskomplexe geschaffen,
die aus ihrem eigensten Gesetz heraus auf Ab-
rundung drängen. Es verdeutlicht die Physio-
gnomie des Komplexes zwischen Romantik
und Impressionismus, wenn der an seinem Be-
ginn stehende, hier so schön vertretene Schir-
mer am Ende noch einmal aufklingt in der
eben erworbenen größeren Landschaft von
Albert Lang von 1879, die für eine diffe-
renziertere Betrachtung wieder zwischen dem
jungen Trübner und Schuch steht. Der natu-
ralistische Pol dieser Epoche fehlt noch:Leibi!
Der idealistische ist jetzt in seinen drei Haupt-
vertretern aufgezeigt: zu Feuerbach sind noch
Böcklin und Marees erworben worden. Von
Böcklin ein für die populäre Meinung ab-
seitigeres Stück: Bildnis der Frau M. God-
mann aus der Züricher Zeit (188g) , in dieser
Atmosphäre besonders am Platz in seiner
streng gearbeiteten, an Altmeisterliches an-
klingenden Art, und den „Maler“ Böcklin rei-
ner auf zeigend -- gerade in seiner Gequält-
heit — als die üblichen romantisch-poetisie-
renden Mythologien, wo der Phantast den Ma-
ler übertönt. Daß es gelungen ist, das Doppel-
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