Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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Abb. 1. Bildteppich mit Fabeltieren Zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts
Nürnberg, Germanisches National-Museum

ALTE KUNST AM MITTELRHEIN
ZUR AUSSTELLUNG IM HESSISCHEN LANDESMUSEUM DARMSTADT
i. PLASTIK UND KUNSTGEWERBE
VON PETER METZ
Gegenstand des Ausstellungsunternehmens ist Plastik, Malerei und Kunstgewerbe
am Mittelrhein von der spätkarolingischen und ottonischen Epoche etwa bis zum
Einsetzen der vollendeten Renaissance zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Als Grenz-
punkte des Gebietes wurden angenommen im Norden Fritzlar, im Westen Trier, im
Osten Aschaffenburg und im Süden Speyer. Mittelpunkt des Gebietes ist Mainz.
Das Material an Plastik, das die Ausstellung der Forschung zur Verfügung stellt,
ist naturgemäß nicht vollständig. Es fehlt vor allem bis auf wenige Vertreter
der frühgotischen Epoche des 15. Jahrhunderts die monumentale Steinplastik.
Indessen war man bestrebt, möglichst alle vorkommenden, in ihrer Eigenart
leicht faßbaren und bedeutenderen Formtypen durch bezeichnende Beispiele
zu belegen. Zum Teil ist es auch gelungen, größere Typgemeinschaften in
mehreren Vertretern als Gruppen zusammenzustellen.
Die Existenz unter sich fundamental verschiedener Formtypen zeigt an, daß
wir es in der mittelrheinischen Kunst nur sehr selten mit durchgehenden sti-
listischen Entwicklungsfolgen zu tun haben. Hierdurch unterscheidet sich der
Mittelrhein von keinem anderen der deutschen Kunstbezirke. Wie überall
werden die Anregungen aus den verschiedensten außerhalb des Gebietes liegen-
den Zentren entnommen. Die Stil schaffenden Genies sind wie überall selten
und in ihrem Auftauchen zufällig über die Zeiträume zerstreut. In ihrer weiteren
Schulnachfolge sind sie zeitlich beschränkt. Neue Entwicklungsanfänge bringen
neue fremde Einflüsse.
Demgegenüber ist jedoch geltend zu machen, daß ein am Mittelrhein ent-
standenes Kunstwerk fast durchweg als solches erkennbar ist, selbst wenn man
die als mittelrheinisch gesicherte Typgemeinschaft, zu der es gehört, nicht kennt.
Es ist die Macht des bodenständigen Lebens und der Umgebung, des »genius
loci«, der sich in jeder Schöpfung von neuem durchsetzt und das fremde Stil-
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51 Der Cicerone, Jahrg. XIX, Heft 15
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