Curtius, Ernst [Hrsg.]; Kaupert, Johann A. [Hrsg.]
Karten von Attika (Heft III-VI): Erläuternder Text — Berlin, 1889

Seite: 52
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Kelter, Winzerwohnungen, Gartenhäuser u. s. w. zwischen den Bäumen und Fruchtfeldern eingestreut
denken; einen wesentlichen Theil des besiedelten Demos Marathon mit Eschenburg bis hierher aus-
zudehnen, scheint mir durchaus unthunlich.

Gegen die Ansetzung von Marathon beim heutigen Marathona hat m. E. bereits Leake (Demen
S. 74 fg.) entscheidende Gründe beigebracht, die Ross (Erinnerungen S. 186, bei Hoffmann S. 51) noch
weiter stützte. Auch Lolling, der mit seiner erneuten Identifizirung (Mitth. I, S. 68 fg., 78fg.) zehn Jahre
lang unangefochten blieb, hat dieselbe neuerdings zurückgezogen, (vgl. seinen Abriss „Hellen. Landes-
kunde u. Topogr." in J. Müllers Handbuch der klass. Alterthumswiss." Bd. III, S 119), indem er Alt-Ma-
rathon, der Eschenburgschen Auffassung sich nähernd, „wahrscheinlich in der Nähe des Meeres" (bei
Plasi?) vermuthet, Vranä jedoch immer noch für Probalinthos in Anspruch nimmt. In der That kann
zunächst über die negative Seite, die Trennung des alten Demos von dem versteckten, ruinenlosen, an
Oinoe viel zu nahe gelegenen Marathona kein Zweifel mehr bestehen. Aber ebensowenig scheint es
mir mit unserer Kenntniss antiker Siedelungsformen irgend vereinbar, dass der Vorort der ionischen
Tetrapolis sich ohne den geringsten Stützpunkt im freien Felde sollte ausgebreitet haben. Auch wird
diese Annahme durch keinerlei Spuren unterstützt. Andrerseits sollte die innerhalb des Marathonischen
Gebietes unvergleichliche, dominirende Lage von Vranä mit ihren Grabhügeln und stattlichen Bauresten
zum Bache und zum Eingange des Thaies Avlona hin, von einem Demos zweiten Ranges eingenommen
worden sein, von Probalinthos, dessen Name trotz der dunklen Endigung doch weit eher auf einen vor-
geschobenen Posten, wie wir ihn um den Ostabhang des Agrieliki finden, als auf die zurückgezogene
Örtlichkeit von Vrana zu deuten scheint! (Vgl. auch Ross, Demen S. 92). Dorthin weisen auch die
Reste eines Demos und die Probalisiergrabsteine 321, 322 des „Antikenber." (während der bei Kumanudis
No. 1072 aus Vrana verzeichnete zu den Lenormantschen Fälschungen gehört). Nichts hindert dabei,
die Feldmarken von Probalinthos (das übrigens nach Kleisthenischer Ordnung nicht mit Marathon, Oinoe
und Trikorythos zur Phyle Aiantis, sondern ganz isolirt zur Pandionis gehörte) auch nördlich und nord-
westlich über die Vraxisa hin ausgedehnt zu denken. Endlich wird man weder die Pyle und das Temenos
des Marathoniers Herodes noch auch das Herakleion, in welchem vor der Schlacht die Athener
lagerten, ohne Nöthigung in das Gebiet der Probalisier verweisen wollen.

Die Ansetzung des Heraklesheiligthums und Griechenlagers im Thal von Avlona hat seit Lolling
(Mitth. I, S. 89) allgemein Anerkennung gefunden, auch bei Eschenburg (S. 14, der sogar die „alten Be-
festigungen" des Herodesbezirkes zum Schutze des Heeres hineinzuziehen geneigt ist; vgl. auch seine
Kartenbeilage). So gut sich die von Natur begrenzte Örtlichkeit auch für den heiligen Hain mit seinen
Kampfspielen zu eignen scheint, kann ich doch, ohne die Frage völlig entscheiden zu wollen, einige Be-
denken nicht zurückhalten. Wir wrollen annehmen, dass das athenische Heer im Thal von Avlona wohl
geborgen war, wiewohl dasselbe nur Ausgänge auf Ninöi und Vranä zu bietet, die Gefahr der gleich-
zeitigen Umgehung von beiden Seiten somit immerhin Wachsamkeit erforderte. Bedenklicher erscheint
mir der Umstand, dass die Truppen tagelang an einem Ort gelagert worden seien, welcher ihren Augen
den nahen, übermächtigen und gefürchteten Feind völlig entzog. Wenn, nach Herodots Bericht, die
Marathonkämpfer die ersten von allen Hellenen waren, welche den Anblick der Perser aushielten,
mussten nicht ihre Feldherren, ehe die Probe bestanden war, sie fürsorglich daran zu gewöhnen suchen?

Die Anwesenheit des gesammten Athenerheeres konnte, so lange es in der Defensive blieb, —
und die Angriffsidee des Miltiades drang ja erst mühsam durch — nur den Zweck haben, einen Durch-
bruch der Perser nach dem Innern des Landes zu verhindern. Da dieser allein auf dem südlichen
Hauptwege denkbar war, erscheint ein mehr als 3 km, also über eine halbe Stunde von dem Durchgangs-
punkte zwischen Sumpf und Berg entfernter Lagerplatz doch wenig zweckentsprechend. Zudem schoben
sich vor den Ausgang des Thaies (bei H. Athanasios und vielleicht auch noch jenseits des Baches
s. oben S. 42 a. E.) Gebäude des unteren Demos, welche die rasche Entfaltung der Massen behindert hätten.

Ahnliches würde für die Aufstellung der jedenfalls nach östlicher Richtung zu ordnenden Schlacht-
front gelten. Die Truppen hätten sich zunächst in langen Colonnen seitwärts entwickeln müssen. Be-
sonders complicirte Bewegungen setzt Hauptmann Eschenburg voraus, welcher die Angriffslinie der
Athener und Platäer vom Lager aus östlich, jenseits des Kotroni, verlegt.

Endlich bezweifle ich, ob das natürlicher Zuflüsse entbehrende Thal von Avlona dem Heere den
erforderlichen Wasservorrath darzubieten vermochte.
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