Chronik für vervielfältigende Kunst — 1.1888

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beängstigendeTräume nicht stören zu lassen. Noch ist Klin-
ger nur der Abgott einer kleinen Gemeinde und ihrer
Wortführer, nervöser Prosessoren und Kunstphantasten,
welche durch die Gespenfter gesälschter Bilderinschristen
aus dem ästhetischen Gleichgewicht gebracht worden

sind. Ihnen wollen wir ihren Propheten gern überladen,
der ihnen mit Böcklin als der Höhepunkt der Ossenbarung
moderner Kunst gilt.
Adols Rosenberg.

Kann der Meister L(^> mit dem älteren Lucas
Cranach eine Person sein?
Die Hypothese, der Kupserftechcr sei identisch mit Lucas
Cranach dem Älteren, ist meines Wittens zuerft im Jahre 1816 von
Ottley ausgeftellt worden, der in seiner „Inquiry" vol. II p. 694 — 695
bei den Stichen P. 5 und 10 so grosse Ähnlichkeit mit der Manier des
Lucas Cranach sindet, dass er geneigt ist, sie Tür srühe Arbeiten dieses
Künstlers zu halten, und zwar sür srühe Arbeiten, weil das Ornament
P. 10 die Jahreszahl 1492 trägt und Cranach um 1470 geboren sei.
Dieser Ansicht trat schon im solgenden Jahre Brulliot1 und später auch
Zani' mit Entschiedenheit entgegen, letzterer indem er daraushinwies,
dass die Stichelsührung der mit bezeichneten Blätter total ver-
schieden sei von jenen, welche wir mit Sicherheit als Arbeiten Cranachs
befitzen und aus denen stets die rümischen Initialen L C als Chissre
siguriren. Cranach bringe überdies aus allen Stichen sein bekanntes
Familienzeichen, den Drachen an. Renouvier3 verwirst ebenfalls Ottley's
Zuschreibung und hält den Meister L0^ eher sür einen Niederländer.
Bestimmter weist er ihn in feiner Histoire de l'origine et des progres de
la gravure, p. 180 der holländischen Schule zu und macht befonders bei
der heiligen Catharina P. 8 aus den holländischen Hörnerkopsputz aus-
merk sam. Passavant nimmt denn auch im Peintre-Graveur (Bd. II, p. 288)
von Ottley's Cranach-Hypothese gar keine Notiz mehr und zählt den
Stecher wie Brulliot und Renouvier zu den Holländern.1 Auch Waagen5
stimmt mit den genannten Autoren darin überein, dafs der Meister
trotz der sichtbaren Einflüsse Schongauers auf seine Kunftweife den
Stechern der altniederländischen Schule beizuzählen sei. Ebenfo äussert
sich Willshireß.
In ein ganz neues Stadium trat die Frage durch Nagler,7 der die
Stiche des Meifters fämmtlich Lucas Cranach dem Alten zu-
fchrieb, das heisst, nicht dem historischen Lucas Cranach dem Älteren,
sondern dem in der Kunstgeschichte bis dahin gänzlich unbekannten
Ahnherrn des Geschlechtes, dem Vater des älteren Cranach. Anlass
zu dieser merkwürdigen Vermuthung gab ihm R. Weigel,8 der sich
seinerseits wieder auf Schuchardt's!> Mittheilungen berust: Lucas Cranach
der Ältere habe die Kunft (,,artem graphicam") bei seinem Vater gelernt.
Nagler sagt weiter: „Wir wissen zwar nicht mit Gewifsheit, dafs der
Vater des älteren Cranach Lucas geheissen habe, können es aber ver-
muthen, indem im 15. Jahrhundert der Tausname des Vaters gewöhnlich
aus den Sohn, zumal den älteren überging. Und es kann ja das Mono-
gramm „Lucas" bedeuten, nämlich in der älteren Form „Lucascz", wenn
ja das Anhängfei des C als Z zu nehmen ift".
1 Dictionnaire de Mono^rammes etc. Munich 1817, p. 460, Nr. 278.
s Enciclopedia II, vol. 6, p. 142.
3 Des types et des maniercs des maitres graveurs. XV. fiecle, p. 85—86.
* Im Kunitblatt von 1850, p. 228 hatte er ihn noch für oberdeutfeh gehalten.
* Kunftdenkmäler in Wien. Wien 1867, Bd. II, p. 282.
'• Catalogue of German ad Flemish prints in the British Museum. Vol. II,
p. 254.
7 Monogrammilten. Bd. IV, Nr. 1008.
n KunlUagerkatalog Nr. 19590. Dafs Zani und Rechbcrgcr auch schon den
älteften Cranach in dem Stecher der mit ^-(^ monogrammirten Blätter ver-
mutheten, ilt unrichtig und beruht auf ungenauer Lefung der Notiz bei Weigel.
Willshire (Cat. II, p. 254) behauptet gar, Naglers Meinung fei auch die von Zani,
Rechberger, Renouvier und Weigel.
"Lucas Cranach des Älteren Leben und Werke. Leipzig 1851. Theil I,
p. 19-20.

Aus diese gewaltsame Interpretation der Chisfre ift zu erwidern:
1. Dass der Vater des älteren Cranach wie sein Sohn -Lucas«
geheissen habe, ist durch nichts beglaubigt und bleibt auch nach der
Wahrfchcinlichkeitsrechnung nur eine leere Vermuthung.
2. Das Monogramm aus den in Rede flehenden Kupferstichen
lautet klar und deutlich L Cz. Nimmt man das Cz sür den Schluss des
Vornamens Lucas, so vergisst man vollltändig, dass der Stecher ursprüng-
lich nur aus Grund der beiden Initialen L und C mit Lucas Cranach
identificirt wurde.
3. Sieht man vom älteren Cranach ab und hält den Stecher sür
Lucas den Älteften, so ist zu bedenken, dass diefer letztere sicher nicht
-Cranach« hiess, sondern, wie wir von feinem Sohne wissen, den
Familiennamen >Müller« trug.1 Lucas Müller der Altere erhielt den
Namen „Cranach" von feinem Geburtsorte Kronach. Sein Vater hatte
aber keine Veranlassung sich bei seiner dauernden Ansälligkeit in Kronach
nach dieser Stadt zu benennen.
Wie passt also das Monogramm ^-C^ auf einen Maler Müller,
dessen Vornamen wir nicht kennen und von dessen Thätigkeit als Kupser-
ftecher wir keinerlei Kunde haben?
Damit erledigt sich, wie ich meine, die Nagler'sche Verfion der
Cranach-Hypothese, deren Richtigkeit neuerdings im Text der eben
erschienenen zweiten Jahrespublication der Internationalen Chalco-
graphischen Gesellschast sür »nicht unwahrscheinlich« erklärt wird. - Man
könnte wenigftens mit demselben Rechte behaupten, der Meister E S fei
der Grossvater Schongauers, der Vater Caspar Schongauers gewesen und
habe vielleicht Egidius oder Erhard Schongauer geheissen. Diefe Hypo-
thefe hätte noch mehr innere Berechtigung als die Indentisicirung des
Meifters t-G^ mit »Lucas Cranach dem Älteften«, denn vom Meifter E S
weifs man wenigstens, dass er auf Schongauer mächtig eingewirkt hat und
dass er höchst wahrscheinlich in unmittelbarer Nähe desselben, etwa in
ßreisach oder einer anderen Stadt am Oberrhein thätig war. — Die
Chissre kann man überdies, wie gefagt, beim besten Willen nicht
mit Ottley für »L Cr« nehmen, fondern fie lautet deutüch"»L Cz«, fo dafs
diejenigen, welche einen holländifchen Namen wie »Lucas Corneliszoon«
oder dergleichen dahinter vermuthen, immer noch mehr Anspruch haben
gehört zu werden, als die Versechter der Cranach-Theorie.
Spricht aber fchon der todte Buchftabe des Monogramms gegen die
Möglichkeit, dass ein Cranach der Stecher jener köftlichen Blätter sei,
welche wir heute als Arbeiten des Meisters l-G^ bewundern, fo wider-
fpricht dem noch lauter und eindringlicher der künftlerifche Gehalt und
die Fprmcnsprache der Stiche. Sie bieten abfolut keine Berührungs-
punkte mit den authenttfehen Arbeiten des älteren Cranach von 1509
bis 1521 mit dem Monogramm L C und dem Drachen, sind technifch
viel feiner und sarbiger behandelt, besser und ficherer in Zeichnung und
Modellirung, vor allem aber in gewissen Einzelheiten des Kostüms und
der Archite6tur von ausgesprochen niederländifchem Charakter. Man
1 Vergleiche die bei Warnecke (Lucas Cranach der Ältere. Görlitz 1879.)
p. 11 publicirten Aufzeichnungen des Valentin Sternenboke von 1609, welcher aus-
drücklich berichtet, Cranach habe anno 1547 auf die Frage des Kaifers (Carls V.) nach
feinem Namen geantwortet: »Er hiefse von feinen eitern Lucas Muller, aufs
der Stadt Cranach in Franken, Man hiefse in aber von feiner Kunft Lucas Maler,
vnd der Churfürftzu Sachfen hatte in von feinem vaterlande
Lucas Cranach genannt«.
3 Im deutrehen Text zu Nr. 14 (Verruchung Christi, B. 1) heifst es: »Viel-
leicht Lucas Cranach der Alte, der Vater des berühmten Künftlers« und im fran-
zöTifchen »Peut-etre l'aine des trois Cranach« etc.
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