Dell, Josef
Das Erechtheion in Athen: bauanalytisch, unters., erkl. u. ergänzt — Brünn [u.a.], 1934

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empfunden, dort angelegt. Ohne der weiteren Ableitung vorzugreifen muß hin-
gewiesen werden auf das vorhandene Gesimse, welches ja über der vollen Mauer
liegt und die ganze Cella herumführend bekrönt. Die Höhe der Gella ist baulich
nicht unterteilt und reicht bis zur Decke.

Eine ebenso wichtige und brauchbare Spur findet sich in der Schicht 7
und 8 der Süd- und Nordmauer vor, es sind dies die Mauerluken 46, 47, 48, 49
und 50. In Größe und Lage gleich, liegen sie im selben Horizont; sie weisen
deutlich auf eine horizontal durchgehende Konstruktion hin, die den Fußboden
der Gella der Athenaheiligtümer bildet. Derselbe beginnt über einige Stufen
hinan beim Ostportikus und geht, den ganzen Bau durchziehend, bis an die
Mauer VI der Cellawand und — siehe da — dort trifft sie mit dem Gesimse
zusammen und tritt in eine sogenannte „architektonische Bindung".

Nun fragt es sich um die Auflagerkonstruktion dieses Steinplattenbodens.
Zwei Wege führen zum gleichen Ziele. Die Mauern IV, V und VI sind als Auf-
lager gegeben; da sie in einer für Steinbalken unüberbrückbaren Spann-
weite voneinander entfernt stehen, so war noch je eine Unterteilung dafür
notwendig, die die Tragbalkenreihe VII und IX bilden. Daraus ist ein Schema
zu erkennen, welches in Abb. 1 dargestellt ist: zwischen zwei mal zwei gleichen
Teilen von gleicher Spannweite, einer mit einer etwas kleineren Spannweite.
Warum so — wird später klar.

Da für den Plattenboden der Athene die Mauern VI und vielleicht auch IX
unmittelbar ein Balkenauflager abgaben, so war nur für die Unterzüge der
Mauern V und VII Vorsorge zu treffen gewesen. An den Wänden hatten die
Tragbalken an ihren Enden ein Pfeilerauflager in k2 und kz und gegenüber
in l2, l3, sie benötigten somit dazwischen noch je drei Pfeilerstützen im selben
Abstände. Je zwei standen im ersten Viertel der Gebäudebreite am Zisternen-
rand auf pu p2, p3, p4, die zwei erforderlichen Mittelpfeiler Pö und Pw mußten
unbedingt zur Erzielung des gleichen Abstandes auf dem Boden der Zisterne
ihren Platz gefunden haben. Sie sind sowie alle anderen Pfeiler spurlos verloren-
gegangen (siehe Abb. 3 und die folgenden Abbildungen).

Der zweite Weg liefert an der Hand der Luken (Abb. 2) das gleiche. End-
ergebnis: Wenn die Lage derselben, vorerst die £ in 47 und / in 48, ins Auge
gefaßt werden, so ist doch als selbstverständlich zu bemerken, daß die starken
Mauern nicht gelegentlich oder zwecklos durchlöchert worden wären, ja daß
die Luken vielmehr an bevorzugten Stellen zu liegen kamen. Solche waren wohl
die Achsen der dahinterliegenden Räume. Wird diesem Verlangen entsprochen,
dann stimmen die dadurch gewonnenen Teilmauern mit denen auf ersterem
Wege gefundenen vollkommen überein (siehe das Schema Abb. 1 und 2).

Naturgemäß standen die raumbildenden Teilmauern vorzugsweise auf den
Unterzügen auf, die Räume selbst kamen in die Tragfelder hinein zu liegen.
Die drei Luken 46, 49, 50 (bei a und q) werden später erklärt werden. Sie
befanden sich wohl auch an bevorzugten Stellen, die für die Abhaltung der
Kulthandlungen bestimmt waren, wahrscheinlich als heilige Schreine oder
Käfige mit Luftzügen für Lebewesen oder Mumien benützt?

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