Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Wolfgang Jonas

Design und Ethik -
brauchen wir
eine Sondermoral für
das Design?

EINE ZUSAMMENFASSUNG
DES FOLGENDEN

Ludwig WITTGENSTEIN, Tractatus:

„5.6 Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die
Grenzen meiner Welt.

6.41 Der Sinn der Welt muß außerhalb ihrer lie-
gen. In der Welt ist alles, wie es ist, und ge-
schieht alles, wie es geschieht; es gibt in ihr
keinen Wert - und wenn es ihn gäbe, so hätte
er keinen Wert.

Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muß
er außerhalb alles Geschehens und So-Seins
liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist
zufällig.

Was es nichtzufällig macht, kann nicht in der
Welt liegen, denn sonst wäre dies wieder zufäl-
lig.

Es muß außerhalb der Welt liegen.

6.42 Darum kann es auch keine Sätze der Ethik
geben.

Sätze können nichts Höheres ausdrücken.

6.421 Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aus-
sprechen läßt.

Die Ethik ist transzendental.

(Ethik und Ästhetik sind Eins.)

6.422 Der erste Gedanke bei der Aufstellung
eines ethischen Gesetzes von der Form „Du
sollst..." ist: Und was dann, wenn ich es nicht
tue? Es ist aber klar, daß die Ethik nichts mit
Strafe und Lohn im gewöhnlichen Sinne zu tun
hat. Also muß diese Frage nach den Folgen ei-
ner Handlung belanglos sein. - Zum Mindesten
dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Denn
etwas muß doch an jener Fragestellung richtig
sein. Es muß zwar eine Art von ethischem Lohn
und ethischer Strafe geben, aber diese müs-
sen in der Handlung selbst liegen.

(Und das ist auch klar; daß der Lohn etwas An-
genehmes, die Strafe etwas Unangenehmes
sein muß.)

7 Wovon man nicht sprechen kann, darüber
muß man schweigen.“

Heinz VON FOERSTER, KybernEthik:

„lch möchte Sprache und Handeln auf einem
unterirdischen Fluß der Ethik schwimmen las-
sen und darauf achten, daß keines der beiden
untergeht, so daß Ethik nicht explizit zu Wort
kommt und Sprache nicht zur Moralpredigt de-
generiert.“

EINLEITUNG

Ethik reflektiert die sittlichen Forderungen, die
an menschliches Handeln zu stellen sind. Häu-
fig wird der Begriff synonym gebraucht mit dem
der praktischen Philosophie. Moral meint das
ethisch Gute, ein historisch und soziokulturell
dynamisches System von Wertvorstellungen
und Geboten (Normen), das Handlungen und
Einstellungen nach Gut und Böse ordnet. Vor-
aussetzungen moralischen Handelns sind die
FreiheitunöVerantwortlichkeitöes Menschen in
seiner jeweiligen Situation.

Die Ethik hat Hochkonjunktur in der wissen-
schaftlichen, politischen und öffentlichen Debat-
te. Darin spiegelt sich die Ratlosigkeit des
Handelns:

- angesichts des beklagenswerten Zustands der
Natur,

- angesichts der Not der „3. Welt“,

- angesichts der eskalierenden Gewaltbe-
reitschaft in der Gesellschaft,

- angesichts der Risikopotentiale der Wissen-
schaft (Medizin-Ethik, Gen-Ethik, Neuro-Ethik,
etc.).

Seit mehr als 10 Jahren wird seitens der Politik
die „geistig-moralische Wende“ in diesem Lan-
de propagiert. Die Forderung wird nun - ange-
sichts der sogenannten Standortdebatte -
konkretisiert zur einseitig ökonomischen Forde-
rung nach mehr Leistungsbereitschaft und hö-
herer Arbeits moral.

Haben wir tatsächlich einen Mangel an Moral
oder haben wir eher einen höheren Bedarf an
Moral als frühere Generationen? Möglicherwei-
se deshalb, weil es selbst in den einfachsten

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