Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Siegfried Maser

Design -

ein Teil von jener Kraft, die
stets das Gute will und stets
das Böse schafft?

Das klingt nach GOETHE. Das klingt nach
Faust. Doch irgend etwas scheint dabei nicht
richtig zu sein. Und in derTat: Es ist nicht Faust,
es ist Mephistopheles; und er sagt genau das
Gegenteil, nämlich er sei „Ein Teil von jener
Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute
schafft“ (1).

Wir hören und reden heute viel von Werte-
wandel: Die Umkehrung aller Werte wäre der
radikalste Wandel im „Kampf ums Dasein
(Charles DARWIN)“. Ist das möglich, falls un-
ser „Wille zur Macht (Friedrich NIETZSCHE) „

(2) es nur will? Können wir beliebig Kranke wie
Verbrecher und Verbrecher wie Kranke behan-
deln oder geht das nur in utopischen Romanen?

(3) Holocaust wurde Wirklichkeit, ist also nicht
bloß Möglichkeit gewesen!

Design-Studenten laden zur Vollversammlung
ein. Sie sind empört: Ihre eigenen Professoren
haben ihre Ideen und Entwürfe verkauft, ver-
marktet, verwertet. Das ist Diebstahl. Das ist un-
moralisch. Das ist ungerecht. Das ist skandalös.
Das ist eine Schweinerei. So geht das nicht.
Das gehört verboten!

Von der Ethik erwarten wir verbindliche Grund-
lagen, Leitlinien, Orientierungen, Prinzipien,
welche die Sitten und das Benehmen derMen-
schen, also deren Zusammenleben regeln. (4)
Konkret erwarten wir von der Ethik Lebenshilfe
in Form von Geboten und Verboten: Was sol-
len wir tun? Was müssen wir lassen? Gibt es
dafür objektive, also für alle Menschen verbind-
liche, universelle Ursachen? Gibt es objektive,
ewig gültige, also absolute Werte? Oder gibt es
nur Regeln, die wir selbst beliebig vereinbaren
können und die nur deshalb allgemeine Gültig-
keit und damit Richtigkeit besitzen? Gibt es Be-

dingungen, die solche Reglementierungen zu
berücksichtigen haben oder ist unsere Freiheit
darin grenzenlos? Und wenn es solche Regeln
gibt, wer sorgt sich und wie für die daraus ab-
leitbaren Rechte und Pflichten? Wer sorgt für
den äußeren Zwang ihrer täglichen, praktischen
Umsetzung? Und brauchen solche Regeln nicht
zusätzlich eine subjektive, freiwillige, innere Zu-
stimmung von uns allen? Subjektive Überzeu-
gung? Persönlichen Glauben?

Das Ziel aller moralischen Gesetze, aller ethi-
schen Regeln ist stets die Etablierung und Er-
haltung einer gesellschaftlichen Ordnung,
eines geordneten Zusammenlebens der Men-
schen. Das jeweils Gebotene und Verbotene
bestimmt das normale und anormale Verhalten
in einer Gesellschaft. Fakten sind, wie sie sind.
Verhalten können wir uns so oder so oder so.
Menschliches Verhalten, also auch Normen,
haben daher Geschichte: Normen sind wesent-
lich kulturell, gesellschaftlich, symbolisch be-
stimmt, weniger natürlich und damit universell.
Claude LEVI-STRAUSS bemerkt: „Kultur führt
dort Ordnungen ein, wo es keine gibt!“ (5). Die
Ordnung ist für unser Leben was das Bad für
unsere Wohnung.

Ethik und Design hat sich daher mit den Grund-
lagen, den Leitlinien, den Orientierungen und
den Prinzipien zu befassen, welche die Sitten
und das Benehmen der Designer/innen in ih-
rem beruflichen Leben regeln: Berufsethik ist
so natürlich stets eingebunden in die allgemei-
ne Lebensethik, in die Sitten und Moralvor-
stellungen derGesellschaft, denen die Designer
ihre Dienstleistungen anbieten und dersie selbst
angehören. Berufsethik ist ferner abhängig von
Geschichte und dient der jeweiligen Etablierung
und Erhaltung einer berufs-ständischen Ord-
nung. Auch, ja gerade bei normativen Erkennt-
nissen sind „Erkenntnis und Interesse“ (6)
unzertrennlich miteinander verflochten: Wirtei-
len die Gesellschaft auf in gute und schlechte
Menschen und aufteilen tun stets die Guten!

Wichtig ist: Ethik hat die Designer/innen als
Menschen zum Thema, nicht das Design als
Ergebnis ihrer Arbeit. Thema ist ihr menschli-
ches, speziell ihr berufliches Verhalten; dieses
kann moralisch oder unmoralisch sein! Ferner
kann das Ergebnis ihrer Arbeit, also das Design,
moralisches Verhalten der Benutzer erleichtern
oder erschweren.

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