Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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tiefen Frieden, — da ware es ein Bild übermütiger Iugendlust. Aber
wenn jetzt den ganzen lcrngen Tag nicht ein Mal die Seele hinübereilt
zu den blutenden Brüdern, nicht ein Mal ein starkes, frommes, deutsches
Lied aus den Herzen der Burschen und Madchen emporsteigt, — dann
ist das ein Haufen Iugend, der aus dem Leben der Bation herausge«
fallen ist. Und wie ist das möglich? Die Zwanzigjährigen und Fünf--
undzwanzigjährigen, die natürlichen Führer dieser Iugend, stehen draußen
im Feld und reifen zu Helden. Das Elternhaus aber hat keine seelische
Gewalt über seine Kinder. Hier versagt die Familie der Großstadt sehr
oft. Die Mutter weint um den Sohn, den Frankreichs Erde deckt, und
der andere Sohn schwingt sich Sonntag für Sonntag im Reigentanz auf
grünem Plan. Es ist eine Kluft zwischen MuLter und Kindern befestigt.
Wieviel Herzeleid wird noch entstehen aus dieser Fremdheit zwischen Alten
und Iungen. tzier brennt noch kümmerlich das Feuer des Glaubens zwi-
schen den Alten. Die Iungen stürmen davon und sehen nichts mehr von
dieser Flamme.

And wir wollen hart genug sein und die häßlichen Bilder nicht ver«
hüllen. Wohl mancher wird die zweifelhaften, fetten Ehrenmänner be-
merkt haben, die in der Kriegszeit in den Schnellzügen umherkrochen,
eifrig und eilig, um aus der Botzeit des Vaterlandes ihren Spekulations«
gewinn zu machen; mancher hat auch wohl in unseren Großstädten die
übereleganten, verschrobenen Damentoiletten gesehen, in diesen Tagen ein-
fach eine Frivolität, dazu das freche Treiben in den Kaffees, — wir ärgern
uns an all dem, wundern uns, wie das möglich ist. Das sind eben Men-
schen, die wirklich „emanzipiert" sind, das heißt innerlich losgelöst aus
dem Leberr einer Familie, und darum der Rücksicht überhaupt nicht mehr
fähig, moralisch Laub. Sind's zielbewußte Menschen, so nutzen sie die
Stunde, Geld zu machen nach dem Gebote des Großen Gottes Manchester
oder Mammon; sind sie mehr sinnlich-passive Baturen, so genießen sie
eben den Lag, wie solche Kriegerfrauen, die die Abwesenheit des Mannes
als kino- und kuchenfrohe Ferienzeit betrachten. Sie schleppen sich drei
Romane und noch einen dicken Band einer IeiLschrift zugleich aus der
Volksbücherei in ihre Wohnung. Aus der Faulheit blüht die Sinnlich-
keit empor, und wenn eines Tages der Mann aus der Front auf Arlaub
kommt, findet er den Fremden im Haus. Krach, Lärm, verdienter Hinaus-
wurf, Zusammenlauf schwatzender, entrüsteter Äachbarn und ein grausiges
Vergnügen für die Kinderscharen — beinah so schön wie im Kino!

„Warum können wir das alles nicht hindern, wo ist die Polizei?^
So rufen wir und vergessen, daß der verständigste Polizeimann nur tun
kann, wie ihm befohlen wird. Rnser polizeilich-staatliches Denken ist
aber zunächst noch sehr stark manchesterlich, kapitalistisch, privatwirtschaft-
lich orientiert. Wir sollen sorgen, daß die Geldschränke nicht erbrochen
und die unehelichen Kinder nicht auf der SLraße liegen gelassen werden.
So ernste Aufgaben wie Schutz der Familie, der Kinderaugen und -tzerzen
sind uns sehr zurückgetreten in einer Zeit, wo wir die Familie als phi-
listerhaftes Erbstück betrachtet haben. Ietzt im Kriege rächt sich entsetzlich
an uns, daß wir der Lehre des Gottes Manchester-Mammon geglaubt
haben: „Der Staat muß vor allem das freie Geschäft schützen; das Ge-
schäft an sich ist immer gut. Das freie Gewerbe!" Nun, während unsere
Söhne und Brüder für Deutschlands Geist sich verbluten, vergiften die
Kinos unsere Kinder, und alte und neue Schundliteratur begraben in

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