Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Kraft in derselben Richtung wirken.
Reichstagsarbeit, wie man sie auch
an diesem „großen Tage" nicht bes-
ser wünschen konnte! Aber zwischen
der dritten und vierten nicht weni«
ger als drei Mertelstunden lang
GeschäftsordnungsdebatteN) ob ein
Abgeordneter noch sprechen solle
oder nicht) den man anfangs nicht
sprechen lassen wollte und dann nach
einstimmigem Beschluß doch sprechen
ließ. Wie dieses tzin und tzer, diese
Verwirrung mit all ihren Klein-
lichkeiten im einzelnen möglich war,
das versteh ich heute noch nicht, denn
die ersten Zeitungsnachrichten wider--
sprechen sich. Verstehen aber kann
ich und verstehen kann jeder, daß
derlei im Reichstage nicht, daß es
unter keinen Rmständen vorkom-
men dürfte. tzier ist durch das
Präsidium des Reichstags ein
Schönheitsfehler in unsre Politik
gekommen, wie er in einem Be--
zirksvereine mit Lächeln hinzuneh-
men wäre, aber bei einer der bedeut-
samsten Sitzungen des Deutschen
Reichstages nicht. ^ A

Nahrungsmittel und Ge-
nußmittel

^>n den entlegenen Gegenden der
Onordöstlichen Steiermark genießt
die bäuerliche Bevölkerung zum
Frühstück und zum Rachtmahl eine
Suppe, die aus Magermilch, Mehl
und Fett besteht, und in die reich-
lich Roggenbrot eingebröckelt wird.
Genau so lebten bis vor einem Men--
schenalter alle Bauern der Alpen--
länder, die sich dabei durch unge--
zählte Generationen gesund und
widerstandsfähig erhielten. Run ist
vielfach die „saure Suppe" durch
Kaffee, Tee, Rum und Flaschenbier
ersetzt worden — das Genußmittel
hat das Nahrungsmittel verdrängt.
Gewiß war sich das Volk der Trag--
weite dieser Anderung nicht bewußt
und vermeinte, daß die Reizmittel
Kaffee und Tee und schon gar der

Alkohol „Kraft" verliehen. Auf--
klärung ist dringend geboten. Rur
wird man mit ihrer tzilfe allein
nicht weite Kreise dazu bewegen kön-
nen, den Konsum der Genußmittel,
die ebenfalls sättigen, zugunsten des
VerbrauchsvonreizloserenRahrungs-
mitteln wesentlich einzuschränken.
Das kann nur gelingen, wenn man
in diesen Kreisen das Gefühl der
Verantwortlichkeit für die Bewah-
rung der eigenen Gesundheit und die
Erhaltung der Rasse weckt. Darum
ist die Ernährungsfrage zuletzt eine
Erziehungsfrage. Hainisch

Was uns die Kleinen schen-
ken

ie Kinder finden ihre Freude in
unsern Gaben. Worin aber fin-
den wir Erwachsenen, wir Verstan-
desmenschen und Realisten sie? Was
können wir bei den Kindern finden?
Was geben uns die Kinder? Sie
geben, was sie sind und wie sie
sind, und treten so in die Reihe
der Edelsten unter den Edlen; denn:
„Gemeine Menschen zahlen mit dem,
was sie geben, edle mit dem, was
sie sind."

Ich unterscheide drei Aufzüge in
dem Kinderschauspiel um uns her.
tzandelnde Personen: Fritzchen, vier-
jährig, ein Dreikäsehoch, und Onkel
Karl.

Beide machen einen Spaziergang
und kommen zum Bahnübergang.
Ein Zug nähert sich. Onkel Karl
faßt Fritzchens tzarch fester, um noch
vorher die andere Seite zu erreichen,
und Fritzchen fragt: „Onkel, wie
macht der Mann die großeSäge
runter, wenn die Puffbahn kommt?"

Drüben zieht Fritzchen seine tzand
aus Onkels tzand, besieht sie sich
und meint: „Au, Onkel, du hast mir
aber meine Knospen gedrückt.^

Ein Knabe auf einem Rad kommt
vorüber. Fritzchen sieht ihn erstaunt
an und sagt: „Der Iunge radelt

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