Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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können. Er braucht gar nicht von sich
zu verlangen, daß er ein Heiliger
im höchsten Stile ist, es genügt, wenn
er von sich selber nur volle Aus-
füllung seines Platzes in der Welt
fordert. Damit verderben uns die
Bußprediger bisweilen unsere Buße,
daß sie uns hoch über uns hinauf-
schrauben wollen und so die Empfin-
dung wecken: Was dieser Mann sagt,
kann ich nicht und er vielleicht auch
nicht! Wir sind keine Engel, wir
werden es auch nicht, aber ehrliche,
Lreue, ganze Menschen aus einem
Guß möchten wir sein.

Friedrich Naumann

Unsre BiLder und Noten

^^er „Strand auf Rügen" vor unserm Hefte und der „Sommertag^
^D Ivon Robert Budzinski sind Nachbildungen nach Linoleum-
Radierungen, also nach Blättern in jener „neuen Technik", die
in diesen Zeiten der Kupfer-Beschlagnahmungen manchem wie eine Er-
lösung kommen wird. Wir haben d.ie Blätter erst auf Kupfer photographie-
ren und so ätzen lassen, aber das gab gerade wegen der Ahnlichkeit der Tech-
niken, Bilder, die irreführen, wenn man die Abdrücke vom Linoleum
nicht daneben legen kann, das aber ließ sich bei unsrer großen Auflage
nicht machen. So zeigen wir Nachbildungen in Autotypie. Die Origmale
sind natürlich nach der Kraft wie nach der Feinheit hin noch weit schöner
als unsre Blätter. Der Künstler hat uns eine kleine Sammlung selbstgefer-
tigter Drucke in den verschiedensten Atz-Techniken und Verbindungen solcher
Techniken vorgelegt und ebenso Linoleum-Platten: wir dürfen ihm bezeugen,
daß sie alle gut sind. Sind die Platten nicht gar zu feinlinig, halten
sie immerhin beträchtliche Auflagen aus, so daß beispielsweise ein uns vor-
gelegtes Ex-Libris noch im 600. Abdruck gut ist. Man darf getrost sagen:
die Frage der Verwendbarkeit des Linoleums für die edeln Atz-Techniken
ist durch Budzinski gelöst. Wir verweisen auf seinen Aufsatz in diesem
tzefte.

Im Text bringen wir noch den Ausschnitt aus einem Blatt des Marien-
lebens von Dürer. Der heilige Ioachim, Mariens Vater, empfängt die
himmlische Botschaft. Ein Grußblatt also, wie es auch für Neujahr passen
mag. Mit der Kraft und mit der Innerlichkeit, die sich uns bei Dürer von
selbst versteht. Aber trotz einiger deutscher Anbehilflichkeiten zumal in der
Gewandung des Engels doch so anmutig, wie das auch bei Dürer nicht
häufig ist. Insbesondere ist unsrem Meister hier die Bewegung, das
Schweben des Engels, noch mehr: ein Schweben, in dem man schon das
Verlangsamen, das Anhalten sieht, überaus bezeichnend und zugleich schön
gelungen.

Die Kopfleiste dieses Heftes ist von Karl Biese, das Schlußstück
von I. V. Cissarz.

Bedenken bei der Zensur ergeben
haben. Doch hoffen wir mit Be-
stimmtheit, daß sich diese beseitigen
lassen, so daß der Gedankenaus-
tausch der drei hervorragenden
Männer in unsrer Zeitschrift Raum
finden kann.

Neujahr

^ie Neujahrsnacht fängt mit der
^Frage an: Wo war ich im ver-
gangenen Iahre mir selber untreu?
Wo fehlte es an Einheitlichkeit und
Geradheit? Ieder wird sich zu dieser
Frage sein eigenes Konto machen

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