Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

Page: 131
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/deutscherwille29_2/0163
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
umfänglichen Anführungen englischer und russischer Briefe und Aufsätze
(auch aus älteren Büchern), durch die er mit den wichtigsten Strömungen
bekannt macht. Indessen, der Soziologe Steffen beschränkt sich natürlich
nicht auf reine Schilderungen. Er geht den inneren VerhältnisseN) dem
Geist der europäischen Völker mit sichtlichem In«die«Tiefe«Streben nach, er
führt nicht nur an, er kritisiert auch, er ironisiert, er richtet und wägt.
Deutschland kann dabei sehr zufrieden sein; so viel Verständnis für seine
Lage, seinen Kulturgeist ist selten! Und zugleich wird selbst im Auslande
diesem besonnenen, stets vornehmen, in allen Zweifelfragen vollkommen
neutral denkenden Beurteiler niemand eigentliche Voreingenommenheit vor«
werfen dürfen. Seine Bücher machen zunächst vielleicht einen trockenen,
chronikartigen Eindruck, als gäben sie nur eben Beobachtungen eines sehr
gut unterrichteten, in mannigsachen Beziehungen lebenden Gelehrten wider.
Schon das wäre viel wert. Aber sie sind in Wahrheit mehr. tzat man
beide gelesen, so merkt man erst, daß die wichtigsten Fragen der Aeit
hier gleichsam nebenher sehr hell beleuchtet wurden, daß hohe politische
Bildung von den Werken ausgeht, daß ihre Art der Frage-Stellung und
-Behandlung, der Stoffwahl und Stoffanordnung — ganz abgesehen von
einzelnen schönen und menschlichen grundsätzlichen Teilen, die nur einge-
schoben sind — vieles mit erledigt, was in den Zeitungen übermäßigen
Raum beansprucht. Daß hier die Erscheinungen in ihrer wirklichen Größe
gewürdigt, die Zeit in ungewöhnlicher Tiefe begriffen ist, wenn das auch
ohne viel weltbewegende Phrasen geschah. Man darf sich des vollen Er-
folges der Bücher, von denen das erste mehr die inneren, das zweite die
äußeren politischen Ereignisse betrifft, uneingeschränkt freuen. ^

Wolfgang Schumann

Gegen die Herabsetzung der Nenaiffanee

aß unsere Kulturgesinnung sich der Rückwirkung des großen Völker-

ringens nicht entziehen kann und nicht entziehen soll, fühlt jeder, der

^^es in seiner welterschütternden Bedeutung miterlebt. Wenn der
Friedenstag anbricht, werden wir uns nicht nur vor die Aufgabe gestellt
sehen, die Grundlagen unseres Wirtschaftslebens und unserer Volkskraft
durch neue soziale Reformen, vor allem des Bodenrechts, gegen äußere und
innere Gefahren zu befestigen, — auch unser Geistesleben und Bildungs-
wesen wird, so hosfen wir, eine Verjüngung durch wachsende Selbstbesin--
nung unseres Volkstums aus die reichen Schätze seiner Dichtung und Kunst
erfahren. Aber müssen wir uns darum des Guten aus anderen Kultur-
kreisen entäußern, das wir uns als ein Stück allgemeiner Menschheitskultur
schon völlig angeeignet hatten?

Gerade in der heutigen Zeitstimmung liegt auch eine Gefahr, und
sie ist es, die mich veranlaßt, heut auf ein vor zwei Iahren erschienen'Ls
Buch zurückzukommen. Sein Verfasser hat sich zwar neuerdings dagegen
verwahrt, daß die von ihm unabhängig von aller Politik aufgestellten
Forderungen aus dem Gefühl politischer Erregung heraus ihre Erfüllung
finden sollen, — denn „der Krieg ist kein Argument des Geistes für oder
gegen die Renaissance", — er wird aber nicht hindern können, daß seine
Gedanken von denen ausgebeutet werden, die uns die Abkehr von allem
Italienischen als nationale Pflicht predigen. In Karl Schefflers
loading ...