Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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ain besten aufnimmt. Daß dies unbestritten das deutsche Volk ist,
will ich an einigen Beispielen zeigen. Auf der ganzen Welt ist kein Land,
wo die Arbeiterklasse soviel gute Bücher liest und soviel gute Theater»
aufführungen besucht, wie Deutschland. Die „Freie Volksbühne" in Berlin
ist dafür das leuchtendste Beispiel. Was bedeuten die Hofopern, was be«
deutet sogar „Bayreuth" daneben, wenn wir von Volkskultur spre«
chen! Auch in Bayreuth kommen nur einige Tausende in Betracht. Ünd
es fragt sich noch, wieviele von ihnen dabei gewesen wären, gälte das nicht
für „chique" oder „standesgemäß". Dagegen die Massen der „kleinen
Leute", die tagsüber arbeiten und nur seltene Mußestunden verwenden
können, um sich durch die Kunst veredeln zu lassen! Dieses eine Beispiel
zeigt am klarsten, welcher Kultur die deutsche Arbeiterklasse fähig ist.
And die deutsche Volksschule hat den Grund dazu gelegt, daß die
deutsche Sozialdemokratie diesen Bau vollenden konnte.

Billige Bücher gibt's überall. In Frankreich, England, Amerika wird
auch entsetzlich viel gelesen. Aber es kommt doch wieder allein auf den
Wert der Bücher an, ob das Kultur zu nennen sei oder nicht. Den
größten Absatz von wirklich gutem und billigem Lesestoff hat wieder
Deutschland. So schön ausgestattete, bei aller Billigkeit sozusagen so
vornehme Bücher und Mappen für Kunst, Literatur und Ethik gibt es
in gleicher Fülle nirgends sonst. Von den kleineren Ländern ist es
wieder nur die Schweiz, die darin mit Deutschland wetteifern kann.

Zu welcher Schlußfolgerung führt das nun? EtwN) daß die Deut«
schen und die Schweizer Kulturvölker sind, die Franzosen, Engländer, tzol«
länder usw. keine?

Faßt man den Begriff Kultur auf, wie ich, so ergibt sich vielmehr:
daß man streng genommen nicht von Kulturv ö lkern reden kann, falls
man darunter verstehen würde: alles, was zum betreffenden Volke ge«
hört, sei Kultur. In diesem Sinne gibt es noch gar kein einziges Kultur«
volk. Ich habe mich in den letzten Monaten oft gewundert über manche
deutsche Zeitungsaufsätze und Flugschriften, worin die Verfasser die Mei«
nung verkündigten: was deutsch heißt, ist Kultur! Würde es wirklich
vor dem Krieg einen vernünftigen Deutschen gegeben haben, der alles,
was in deutschen Landen geschah, Kultur genannt hätte? Ist die
Welt des Verbrechens, des Elends, die es doch auch gab und gibt in
Deutschland) Kultur? Ist das Kino-Rnwesen, ist die Schundliteratur Kultur?

So kann man noch eine Stunde lang fragen und die Antwort würde
immer lauten: nein!

Es gibt überall neben Kultur auch „Barbarei", gegen welche
die Kulturmenschen kämpfen, um sie auszurotten. S o ist der Zustand in
allen sogenannten Kulturländern. Der Anterschied — aber freilich ein
ganz gewaltiger Unterschied — zwischen Deutschland und vielen anderen
Ländern in Europa ist nur der: in diesem Streit zwischen Kul«
tur und Barbarei hat in Deutschland die Kultur die größ«
ten Fortschritte gemacht.

Man kann das ruhig anerkennen, ohne blind zu sein für die Schwächen
im deutschen Volkstum, und ohne die wirkliche Kultur des Auslandes zu
unterschätzen oder gar zu leugnen. Und es ist meine feste Aberzeugung,
daß man in Deutschland der deutschen Kultur selber den größten Schaden
zufügen würde, wenn man den Gedanken wirklich zur allgemeinen An-
nahme brächte: Nur wir Deutschen sind ein Kulturvolk, die andern
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