Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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unternommen, was zu einer Stellungnahme für oder wider, aber auch
nichts, was zu einer Vermittelung hätte führen können. Sie stehen wie
wir alle unter dem Eindruck, daß so furchtbare Spannungen wegen der
Ernährungsfrage, wie wir sie soeben durchgemacht haben, in Deutschland
nie mehr vorkommen dürsen.

Was nnbedingt beachtet werden muß, ist: Wenn Deutschland nicht mit
allen verfügbaren Mitteln seine Bodenerzeugung so vermehrt, daß nicht
nur die jetzt vorhandene, sondern eine sogar sehr stark vermehrte Bevölke«
rung nötigenfalls auf längere Zeit aus eigner Kraft ernährt und bewehrt
werden kann, — so steht über kurz oder lang ein neuer Weltkrieg bevor.

Diese zweifellose Äberzeugung muß uns stark machen, daß wir über
alle tzindernisse hinweg beizeiten unsre volle wirtschaftliche Selbständig-
keit ausbauen. Dazu gehört in erster Reihe auch die Nutzbarmachung
alles geeigneten Bodens für die Ernährung und Seßhaftmachung eines
gefunden und starken Volkes. Daher, Deutschland muß siedeln überall
wo es kann in den alten ünd den etwa hinzukommenden neuen Gebieten.

Nach einer amtlichen Erhebung von liegen an 7000 Quadratkilo--
meter nutzfähigen Ödlandes (Moor und tzeide) in den bisherigen Gren-
zen des preußischen Staates noch brach. An Umfang mehr als das Groß-
herzogtum Oldenburg! Iahrzehntelange Versuche geben uns die Mittel
an die tzand, sie in blühende Ansiedelungen zu verwandeln, Ackerbau und
Viehzucht darauf zu betreiben und wohl eine Million Menschen neu unter-
zubringen. Es trifft sich, daß mit tzilfe der aus den ungeheuren Torf-
massen zu gewinnenden elektrischen Stromkraft zugleich mit der Urbar-
machung auch eine reinliche, rauch- und rußfreie Industrie erschaffen wer-
den kann, die viele wertvolle Nebenerzeugnisse liefert. Sollen wir da
nun die Urwüsten erhalten? Müssen wir nicht zur Sicherung unserer
Volkskraft tzand daran legen? — Die Siedelungen lassen sich zweifellos
so vorbereiten, daß eine gewisse Schönheit erreicht wird und die neue
tzeimat den Bewohnern für immer wirklich tzeimat wird. Eigenarten,
wo sie vorhanden sind, können durch planmäßiges Vorgehen er-
halten werden, und das auf diese Weise neu Entstehende wird schöner
sein als das Alte. Was hieraus dem Vaterlande für ungeheuere Vor-
teile erwachsen, brauche ich nicht näher zu sagen. Daß alle geeigneten
Männer zu ihrem Teile hieran mitarbeiten müssen, ist selbstverständlich.
Nicht zuletzt gilt das auch für die Natur- und tzeimatfreunde und ihre
Vereine.

Das Beispiel Friedrichs des Großen steht uns vor Augen, der durch
ähnliche Maßnahmen auf friedlichem Wege ganze Provinzen im Innern
seines Staates eroberte. Ich möchte alle bedenklichen tzeimatfreunde bitten,
die blühenden Gebiete an der Warte, Netze und Oder zu durchwandern,
wo Dorf an Dorf sich sauber reiht auf Landschaften, die vorher eines
Menschen Fuß — auch der des Iägers — kaum betreten konnte, wo aber
jetzt ein prächtiger Menschenschlag erfolgreich wirtschaftet und unzählige
Streiter ins Feld stellt, die ihre tzeimat mit Liebe, Kraft und Zähigkeit
verteidigen!

Die damalige Urbarmachung ging trotz des Siebenjährigen Krieges
verhältnismäßig schnell und war mit großen wasserbaulichen Arbeiten
verbunden. Es HLtte vielleicht manches von vornherein schöner gemacht
werden können, kleine Waldstücke auf den eingesprengten Sandköpfen, in
die toten Flußschleifen, in den Kanalbecken, auf unnutzbaren Sumpfstreifen

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