Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Beispiel: Für die muhammedanischen Gefangenen, die doch unsere
Brüder oder Söhne im Kampfe erschlugen (wenn auch gezwungen), bauen
wir von unserm Geld im Gefangenenlager eine Moschee, damit ihr reli«
giöses Bedürfnis in genügender Weise befriedigt werde.

Gegenbeispiel: In Konstantinopel errichten die Deutschen für die hier
weilenden deutschen Soldaten ein Soldatenheim, damit sie wissen, wo sie
in freien Stunden bleiben, wo einen Brief schreiben können usw. Die tür«
kische Polizei nimmt das Schild „Deutsches Soldatenheim" herunter, weil
„europäische" Schrift in Konstantinopel verboten ist.

Das eine Beispiel möge genügen. Es zeigt, wie alle vernünftigen Gründe,
daß doch die Soldaten, die auf ganz kurze Zeit hierherkommen, und un»
möglich so schnell die türkische Schrift lernen können, um ihr tzeim finden
zu können; daß solche und andere Vernunftgründe nichts gelten vor dem
türkischen Willen: ihr Land zu türkisieren, auch die internationale Stadt
Konstantinopel.

Dieser nach dem Balkankriege erwachte und seit Iahresfrist grund«
sätzlich durchgeführte Bationalismus soll die Türkei vor der Gefahr be-
wahren, irgendeiner europäischen Macht zu unterliegen. Durch die Teil-
nahme am Kriege hat die Türkei ihre nationale Selbständigkeit bewahrt;
aber dieselbe Gefahr, die früher von englischer, französischer oder russischer
Seite drohte, die wittert man jetzt von deutscher. Psychologisch verständlich ist
dieser Gemütszustand des türkischen Volkes auch, wenn man sich daran er-
innert, daß die Lürken noch niemals Bündnispolitik getrieben haben, daß ihre
Politik vielmehr immer darin bestand, geschickt die Zwistigkeiten der andern
zu benutzen, um dazwischen für sich Vorteil zu suchen. Nun bringt ihnen
das Bewußtsein des Bündnisses und seiner Pflichten das Gefühl, sie
könnten sich Fesseln auferlegt haben, die einmal sehr drücken könnten. Darum
betonen sie in fieberhaft gesteigertem Maße ihre Unabhängigkeit von
jedem europäischen Vormund.

And die guten Landsleute in Deutschland, ohne diese Verhältnisse zu
kennen, gehen von ganz andern Gesichtspunkten aus, machen ideale Pläne,
wie sie dem Lürkischen Freunde in seinem SLreben nach vorwärts recht
behilflich 'sein können, und möchten ihm gute Ratschläge und Geschenke
aufnötigen, ohne zu fragen, ob er sie auch wohl will.

Iedem Deutschen ist wohl folgender Gedankengang geläufig: Für eine
gesicherte Zukunft der Türkei ist vor allem eine gute Schulbildung der
Iugend nötig, also eine möglichst schnelle Reform des türkischen
Schulwesens. Wir haben ein in der Welt bestauntes und beneidetes
Schulwesen; also leisten wir den Verbündeten doch den Freundschaftsdienst
und geben ihnen von unsern Lehrern.

Dieselbe Sache von der andern, der türkischen Seite, gesehen: Lieber
macht der Türke noch einmal in langsamer, mühsamer Entwickelung alle
die Erfahrungen durch, die wir längst hinter uns haben und die er mit
unsrer tzilfe ersparen könnie, wenn er nur das Gefühl hat, ich bin auch
in der Schule selbst tzerr im tzause. Er erlaubt also den ausgesucht tüch-
tigen deutschen Lehrern, die an seine Schule kommen, keinerlei Necht, in
irgend etwas hineinzureden; der deutsche Lehrer hat kein Wort bei der
Gestaltung des Lehr« und Stundenplanes zu sprechen, wird zu keiner Kon»
ferenz zugezogen; er hat nicht die Stellung, die ihm in Deutschland selbst-
verständlich schien. '

Diese Bedenken sollen natürlich nicht zu dem Schlusse führen, daß wir

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