Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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den Kreis der so zu Unterstützenden durchaus nicht eng zu ziehn. Was
vorbildet für das Morgen, so daß ihm das Heute noch keinen Gegenwert
gibt, es verdiente an erster Stelle einen Mitgenust an dem Erbe der Vor-
gänger. Läßt sich, was sehr wahrscheinlich, aus den Erträgnissen der
alten Rechte noch weiter helfen, um so besser. Keinesfalls dürfen wrr
von „Mangel an Mitteln" für solche „höheren Kulturaufgaben" sprechen,
solange wir, wie gegenwärtig, die Rechte am geistigen Eigentum dreißig
Iahre nach dem Tod ausschließlich zum Vorteil der ausnutzenden Ge»
schäftsleute konfiszieren.

gx^as Wichtigere von dem, was ich meinerseits im Kunstwart zur Sache
'^gesagt habe, ist in der 25. Dürerbundflugschrift „Das Urheberrecht geht
uns alle an" und in unserer 65. Flugschrift „Rrheberschutz und Ur«
Heberschatz" niedergelegt. Auf die verweise ich nochmals mit der dringen»
den Bitte, diese Gedanken zu prüfen. Man ergänze, man ändre, man
verwerfe, aber man durchdenke und verarbeite sie. „Die wichtigste Auf»
gabe der deutschen Geisteskultur im zwanzigsten Iahrhundert ist: zu bilden
und auszubauen einen Urheberschatz zur Befreiung des geistigen Schaffens
vom Tagesmarktwerte." Bis jetzt ist keine einzige meiner Bemängelungen
am heutigen Urheber-Recht und Nichtrecht widerlegt, immer mehrere sind
bestätigt worden. Wann beginnt auf diesem Gebiete die Arbeit? A

Der Weltkrieg «nd die deutschen Bühnen

^UV^er unter den Kriegsläuften das Tun und Treiben auf, vor und
5/ F H neben den deutschen Szenen berufsmäßig zu beobachten Hatte,
wer es sich angelegen sein ließ, die solchergestalt eingeheimsten Er-
fahrungen gegeneinander abzuwägen und sodann zu einem Gesamtbilde
zu vereinigen, der mußte als Patriot wie als redlicher Schildhalter der
Kunst in eine sehr trübe, ja verzweifelte Stimmung geraten. Spärliche
Ausnahmen abgerechnet, sah und sieht es mit den Arbeitsprogrammen
der Intendanten und Direktoren, mit den Spielplänen wie mit Artung
und Wert des Tag für Tag vor der Rampe Ausgebreiteten kläglich aus —
doppelt kläglich, insofern sich doch immer wieder die Fragen aufdrängen:
ist im weitverzweigten Gebiet unseres Theaterwesens von Rot und Drang
des Volkes, vom ungeheuren seelischen, auf den Schlachtfeldern offenbarten
Aufschwung, vom wie über Racht erfolgten politischen Reiferwerden der
Ration, vom Willen und von der Kraft zur befreienden Tat auch nur
das Mindeste zu spüren?

Angesichts der Niederzwingung der Feinde, angesichts unermeßlicher,
durch Charaktergröße und adelige Geisteswaffen errungener Erfolge kann
man es geruhig aussprechen: innerhalb der geschützten Grenzen versagte
nicht Weniges, das hochsinnige Betätigung hätte zeigen, als Ouelle ethi-
scher Antriebe hätte wirken sollen. Richts aber blieb der Forderung der
Zeit soviel schuldig als das Theater, als seine berufenen Pfleger. Vorerst
bekundeten sie einen bedauerlichen Mangel an sozialer Gesinnung. Mit
den Leitern der kleinen, nicht subventionierten und trotzdem in anständiger
Art geführten, also nicht im Operettenschlamm versinkenden Provinzbüh»
nen war allerdings nicht zu rechten; sie und ihre Angestellten hungerten

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