Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,2.1916

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Kriegsanleihe und Vonifikationen

gkxie Frage, ob die Vermittelungsstellen der Kriegsanleihen von der Ver«
^gütung, die sie als Entgelt für ihre Dienste bei der Unterbringung der
Anleihen erhalten, einen Teil an ihre Zeichner weitergeben dürfen, hat
bei der letzten Kriegsanleihe zu Meinungsverschiedenheiten geführt und
Verstimmungen hervorgerufen. Es galt bisher allgemein als zulassig, dast
nicht nur an Weitervermittler, sondern auch an große Vermögensverwal«
tungen ein Teil der Vergütung weitergegeben werden dürfe. War dies
bei den gewöhnlichen Friedensanleihen unbedenklich, so ist anläßlich der
Kriegsanleihen von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen worden, daß
bei einer derartigen allgemeinen Volksanleihe eine verschiedenartige Be»
handlung der Zeichner zu vermeiden sei und es sich nicht rechtfertigen lasse,
den großen Zeichnern günstigere Bedingungen als den kleinen zu ge-
währen. Die zuständigen Behörden haben die Berechtigung dieser Gründe
anerkennen müssen und beschlossen, bei der bevorstehenden vierten Kriegs-
anleihe den Vermittelungsstellen jede Weitergabe der Vergütung außer
an berufsmäßige Vermittler von Effektengeschäften strengstens zu unter-
sagen. Es wird also kein Zeichner, auch nicht der größte, die vierte Kriegs-
anleihe unter dem amtlich festgesetzten und öffentlich bekanntgemachten
Kurse erhalten, eine Anordnung, die ohne jeden Zweifel bei allen billig
denkenden Zeichnern Verständnis und Zustimmung finden wrrd.

Vom tzeute fürs Morgen

Dilettanten-Politik

Man schreibt uns:
u dem Erstaunlichen, das wir jetzt
täglich erleben, gehört für mich
allerlei, woran die meisten schon so
gewohnt sind, daß sie es gar nicht
erregt. So frag ich mich jeden Tag:
woher nehmen manche Iounalisten
den Mut, an weitbeachteten und des-
halb drei- und zehnfache Verantwor«
tung fordernden Stellen über Dinge
zu reden, über die sie gar nicht ge-
nügend unterrichtet sein können?

Ietzt wieder: über den Konflikt
mit Amerika anläßlich des Tauch-
bootkriegs. Wer darüber eine ir«
gendwie beachtliche Meinung haben
will, müßte allermindestens das
solgende kennen. Erstens: die Zahl,
die Beschaffenheit, die Leistungs-
fähigkeit unsrer alten und unsrer
neuen Tauchboote. Zweitens: die
Mittel, welche Lngland und die
Entente gegen sie vorbereitet hat.
Drittens müßte er darüber Bescheid

wissen, was eine Kriegserklärung
Amerikas bedeuten würde mit ihren
Folgen, als da sind: Einstellung der
deutschen Schiffe, die drüben liegen,
in den Dienst des feindlichen Ver-
bandes, Lieferung auch der staat-
lichen amerikanischen Werkstätten an
Waffen und Munition für diese,
Rnterstützung unsrer Feinde durch
die amerikänische Flotte, durch ein
amerikanisches Freiwilligenheer, durch
große amerikanische Gelder usw.
Viertens müßte er voraussagen kön-
nen: das Verhalten der jetzt „schwan-
kenden^ Aeutralen im Fall der ame-
rikanischen Kriegserklärung, nicht
nur Rumäniens, und welche Folgen
schon das Eingreifen Rumäniens
für uns hätte. Fünftens müßte er
wissen, ob das Verhalten derjeni-
gen Reutralen, die jetzt zuverlässig
neutral sind, so bleiben würde, auch
wenn wir (wie man vorschlägt) ihre
tzandelsschiffe nicht mehr schonten,
und, falls sie nicht länger neutral


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