Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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In Wahrheit handelt es sich heute um etwas ganz anderes: um einen
Frieden und ein Zusammenarbeiten, die jeden in der Art lassen, die ihm
lieb und wert geworden ist. Soll das wirklich unmöglich sein? Schwierig«
keiten praktischer Art sind gewist in großer Zahl vorhanden; aber der Ge-
danke selbst ist weder falsch noch seine Ausführung unmöglich. War es
ein Unrecht, daß wir ihn unserm Geschlecht wieder gezeigt haben? Müssen
wir uns sagen lassen von denen, die keinen Frieden wollen, wir seien Frie-
densstörer? Man höre Iahn: „Gerade um der Einigkeit willen können
wir nur darum bitten, daß man uns mit Plänen verschone, die wie eine
Sprengbombe wirken müssen, weil sie den scharfen Widerspruch derer, die
am Bekenntnis ihrer Kirche unbedingt festhalten, herausfordern". Wäre die
Beichskirche eine Notwendigkeit, so müßten wir darauf dringen, daß
sie dennoch geschaffen werde. Sie ist aber nur eine schöne und segensvolle
Sache: darum wollen wir nur unverdrossen versuchen, den Gedanken weiter
in die tzerzen zu tragen, bis endlich der alte Geist der Enge und des
Haders überwunden ist. Damit die Kirche der Zukunft nicht immer noch
so sehr hinter dem Ideal zurückbleibe, das sie predigt, und das der deutsche
Staat schon so lange erreicht hat. Heinrich Weinel

Zur Frage der nationalen Einheitschule

aller werdenden Kultur sehen wir zwei scheinbar entgegengesetzte
^(Strömungen am Werke: eine, die zusammenfaßt, und eine, die zer»
^.^legt. Keine der beiden würde für sich allein genügen, um Kultur-
leben weiter zu entwickeln. Die Zusammenfassung könnte wohl zu einer
Macht von gewaltiger Stoßkraft werden, aber jede feinere Abschattung
würde fehlen und infolgedessen jede Möglichkeit innern Ausbaus und indi-
vidueller tzöchstleistung auf irgendeinem Teilgebiete. Differenzierung allein
aber müßte zur Zersplitterung und zu gegenseitiger Entfremdung führen.

Wir sehen den Fortschritt der Wissenschaft, der nur durch weitgehende
Fachteilung und durch fortgesetzte Arbeitsteilung zustande kommen konnte.
Und gleichzeitig fühlen wir die Gefahr des Auseinanderfallens, der innern
Zerklüftung und erkennen die Notwendigkeit der Äberbrückung und des
geistigen Zusammenschlusses.

Wir wissen, daß auf dem Felde handwerkstechnischer und industrieller
Arbeit die hohe Blüte nur durch unaufhörliche Gliederung erzeugt werden
konnte, und doch finden wir auch hier wie auf allen volkswirtschaftlichen
und politischen Gebieten den Vorgang der Koalition innerhalb der einzelnen
Berufe, innerhalb der Stände und darüber hinaus auch innerhalb des
Volksganzen und der Völker.

Was für unser gesamtes Kulturleben gilt, das wird wohl auch für die
Entwicklung des schulischen Lebens Bedeutung haben, ist doch
in vieler tzinsicht gerade die Schule ein Kennzeichen für den tzoch« oder
Tiefstand eines Volkes und wie kaum eine andere Einrichtung berufen
und beauftragt, für kulturelle Tätigkeit vorzubereiten. Da nun unsre
Kultur die bezeichnenden Merkmale der Einheit und Mannigfaltigkeit, der
Zusammenfassung und der Teilung in besonderem Grade aufweist, so darf
man wohl von vornherein vermuten, daß eine nationale Schule, die im
Dienste dieser Kultur steht, ihr in genanntem Sinne wesensverwandt sein
muß, wenn sie ihrer Aufgabe entsprechen soll.

Wir Deutsche haben trotz aller Differenzierung im Grunde genommen
doch nur eine Kultur: eben die Kultur des deutschen Volkes der Gegen-

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