Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,3.1917

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wert. Danach wrrd es immer noch schwere Mühe machen, praktische und
zweckmäßige Maßnahmen aus der Fülle des Wissensstoffes herauszu»
arbeiten, auf die sich, als auf eine „Normalverfassung des Theaterlebens",
die Führenden einigen könnten. Aber es wird dann wenigstens möglich
sein. Und dann wird mit einigen großen Schlägen nicht nur für das
Theater, sondern wirklich für „die Kultur" Bedeutsames erreicht werden
können. Wolfgnng Schumann

Partei-, Stände- und Kulturpolitik

Man schreibt uns „zur Frage nach der Zukunft der politischen Parteien":
>»^olange es ein politisches Parteileben gibt, hat es auch stets Leute
t(^gegeben, die sich mit voller Absicht und auf Grund einer wohldurch»
^»^dachten Aberzeugung davon ferne gehalten haben. Dieser „Mcht-
politiker" sind im Lauf der Iahre zumindest im deutschen Volke eher mehr
als weniger geworden, was die allmählich eingetretene Anderung in der
politischen Arbeitsart durchaus erklärlich macht. Bismarck hat sie mit den
Worten gezeichnet: „Vor ^8^8 war man beflissen, das Mchtige und Ver»
nünftige zu finden, heute genügt die Majorität und die königliche Unter-
schrift." Die Schuld an diesem Medergang gab man — wieder in ge»
danklicher Abereinstimmung mit Bismarck — dem Parteiwesen und ergab
sich einer politischen Verdrossenheit, welche auch auf zahlreiche ausgespro-
chene Anhänger der einzelnen Parteirichtungen übergriff. Da kam der
große Krieg. Die Kaiserworte vom H. Auguft wurden nicht nur als
eine großartige (Lrfassung der Notwendigkeit des Augenblicks, sondern
als die Erlösung aus unleidlichen Verhältnissen empfunden. Der Burg»
frieden kam zustande, und je länger er, wenn auch nur als unmittelbare
Folge der Kriegsdauer, anhielt, um so mehr schienen die vielfach laut
werdenden tzoffnungen berechtigt, daß sich seine Wirkungen auch nach dem
Kriege angenehm fühlbar machen würden. Darüber hinaus glauben manche,
daß bei richtiger Ausnützung der Sachlage eine Beseitigung des Partei»
wesens überhaupt möglich wäre. Das eine ist gewiß: Es gibt eine neue
innerpolitische Zielsetzung, an welche vor dem Kriege ernstlich nicht gedacht
werden konnte.

Ein gewisses Mindestmaß von Erfüllung scheint der neuen Mchtung
schon heute gesichert zu sein. Wenn man wirklich, wie tzerr von tzeyde-
brand sagte, niemals vergessen wird, daß der Gegner einst das deutsche
Vaterland mitverteidigt hat, dann muß Fürft Bülows Wunsch in Erfül»
lung gehn, daß man „den anderen, weil er in einer politischen oder in
einer wirtschaftlichen oder sozialen Frage anders denkt als man selbst,
nicht gleich für einen Narren oder für einen Schurken hält".^ Dieses Er»
gebnis hätte eine tiefergehende Wirkung: die größere Aussicht auf sach»
liche Aussprache und damit die erhöhte Möglichkeit eines Zusammen»
schlusses bezüglich einzelner Fragen, wo eine Abereinstimmung festgestellt
würde — also die erhöhte Bündnisfähigkeit, von der im „Deutschen Willen"
die Rede war. Auf diesem Wege läßt sich aber noch einen großen Schritt
weitergehen: Zwischen den politischen Parteien, welche sich, als Ganz»
heiten aus der Ferne besehen, schroff gegenüberstehen, gibt es in der Auf»
fassung der Einzelnen zahllose Abergänge. So mancher zum Beispiel,

* „Reden" V, S. G6

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