Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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die wahren Träger der Zukunft! Ihnen muß unsere Liebe, unser brüder-
liches Bemühen gelten,- sie sollen in das ganze Volksgetriebe — in allen
Kreisen, in allen Schichten — hineingestellt werden als die Mittel- und
Sammelpunkte und als die neuen Ausgangspunkte der Menschlichkeit
und Tüchtigkeit. Diese nun sind es auch, die mit Spannung, hoher Hoff-
nung und jugendlicher Freude sich dem Buche nahen. Diese sind es,
denen das aus unverbogenen Sinnen und kräftiger Seele hervorgewachsene
Schrifttum Freude, Behagen, Trost, Kräftigung, Bestätigung, Lebensge-
fühl und Lebensfülle geben kann. And diese sind es, denen in der Wüste
und im Dunste der Großstadt — und das alles gilt ja heute nicht nur für
die Großstadt — der reine Quell unseres Schrifttums erschlossen werden
soll; für sie haben unsere Dichter und Lrzähler, die Großen und die Klei-
nen, die Schlichten und die Gewaltigen, die tzeitern und die Schicksals«
ernsten, die Alten und die Neuen gesonnen, geschaut, phantasiert und ge-
schrieben. Aber zwischen ihr Werk und jene aus gleichem Geschlechte stam-
menden Volksgenossen drängt sich nun verwirrend, ablenkend, Ansätze und
Keime verderbend, die ganze Flut des Unsinns der Auch-Literatur. Damit
trotzdem im deutschen Volke des zwanzigsten Iahrhun-
derts die erlebten Bücher an die ihnen bestimmten Men«
schen kommen, dafür errichten wir aus öffentlichen Mit«
teln die moderne freie öffentliche volkstümliche Büche-
rei. Und wenn wir an den Schaltern dieser Bücherei erleben, wie sich
die Männer und Frauen, die Arbeiter und die Bürger, die Alten und
die Iungen drängen, wie nun tatsächlich Gustav Freytags „Soll und
Haben" der Roman dieses Publikums ist, wie sich hier auch heute
wieder Raabe-, Rosegger-, Dickens- und Storm-Gemeinden bilden, dann
sehen wir, daß das „gute Blut, das nie verdirbt", nicht nur ein Glaube
und eiu Wunsch, sondern ebenso eine Tatsache ist, wie die seelische Ver-
elendung anderer Glieder des Volkes. Die neue Volksbücherei wird mit
alledem in dieser Zeit, die Großes und Grauses nebeneinander hertreibt,
die Stätte, die der ewige gute Geist der Nation sich selbst errichtet, in
der er sich selbst in allen Zügen seines reichen Wesens darstellt.

Und dieser Geist ist es auch, der erhebend, anfeuernd, klärend, veredelnd
auf die gesamte Arbeit in dieser nationalen Bücherei zurückwirkt, der
vor allem den Bibliothekar, den der tägliche Verschleiß des Faden und
Albernen, des Erlogenen und Gemachten zur Verzweiflung treiben müßte,
zu jener freudigen tzilfsbereitschaft ohne Grenzen aufruft, die das zweite
tzauptstück der wirklich modernen Büchereiführung ist. Wer mit all den
Schluchten, tzöhen und Tiefen des Schrifttums vertraut ist und dann vor
diesem Wunderland die des Bücherwesens unkundigen, suchenden Volks-
genossen sieht, wer da weiß, daß in dieser reichen Welt für das alte Mütter-
chen und für den Iüngling, für den rüstigen Mann und die Frau, für den
Ungelehrten und für den tzöchstentwickelLen, daß hier für jed e n eine Ouelle
rinnt, daß es hier aber keine Aufschriften, Wegweiser und Reiseführer
gibt, — wer das sieht und erlebt, der kann ja gar nicht auf den Gedanken
kommen, in diesem Augenblicke seine Leser allein zu lassen, die Bücher-
massen mechanisch über sie auszuschütten, sie, die mit großer tzoffnung
und wenig Zeit zur Wahl und zum Suchen sich der Bücherei nähern, allen
Irrtümern und Zufälligkeiten, allen Verdrießlichkeiten und ermüdenden
Fehlschlägen auszusetzen, die der Leser selbst nur bei großer Erfahrung
im Buch- und Bibliothekwesen vermeiden kann. Ie lebendiger er in seinen

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