Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

Page: 115
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und ihrer Gefühlsschwelgerei. Insofern kommt selbst einem tzeine mit
seinem ätzenden Spott gegen Deutschtümelei ein merkliches Verdienst um
das Deutschtum zu. Hier lag die allerschlimmste Gefahr für uns; die
Latnatur des Deutschen wurde unter dem Vorgeben der Deutschheit ver«
weichlicht, vergefühligt. Darum war jede ätzende Gegenwirkung von
Segen. Aber die wirkliche Äberwindung konnte nur durch die schaffende
Arbeit eines Täters geschehen. Dieser Täter war einerseits die naturwissen-
schaftlich-technische Richtung des neunzehnten Iahrhunderts mit ihrem
nüchternen Arbeitswillen, anderseits Bismarck und die neue reichsdeutsche
Politik mit ihrem Wirklichkeitssinn. Wohl uns, daß die deutsche Seele
Kraft hatte, diese gesunden Gegenwirkungen hervorzubringen. Und um
deswillen sei nun eben diesen Gegenwirkungen manche Beschränkung, Be-
schränktheit zugute gehalten. Die an Bismarck groß gewordene Politik
hatte doch wohl eine zu große Abneigung gegen weitausschauende Pläne,
hinter denen sie immer irgendeine tzohenstaufenschwärmerei, irgendein
Spielen mit alter Kaiserherrlichkeit argwöhnte. Und die naturwissenschaft-
liche Gesittung des neunzehnten Iahrhunderts ist doch gewißlich aus Angst
vor sentimental romantischer Verstiegenheit platt geworden. Beides war
eine Entfettungskur für den deutschen Willen. tzeut steht er schlank und
rank vor uns, heut greift er in Staats« und Gesittungsleben beherzt hin»
über in weitere Bezirke. Ist das nun „Rückkehr zur Romantik"? Ich
halte das für ein ganz unglückliches Wort. Ich habe freilich selbst noch
in meinem „Deutschen Christentum" den Ausdruck einmal gebraucht. Aber
er ist grundverkehrt. Rnsere deutsche Seele hat heut wieder größeren
Schwung gewonnen; aber das ist eine wirkende Kraft in ihr und nicht
ein schwelgendes Genießen. Diesen Schwung brauchen wir für die ge-
waltigere Tat. Sowohl das höhere völkische Ziel, das wir uns gesteckt,
wie die Vertiefung des Kulturempfindens bis ins Religiöse hinein sind
uns Quellen der Kraft. Iedes idealere Gefühl, das sich nach der reich-
lichen Plattheit des mageren neunzehnten Iahrhunderts wieder hervor-
wagt, ist uns Antrieb, ist uns Mittel zur Tat. Wir sind nicht Roman-
tiker. Die Krankheit ist überwunden. Was aber an Rückständen noch in
unserm Volksleibe vorhanden ist, soll nicht durch falsche Namengebung
unserer neuen Bewegung gefördert und zu Einfluß gebracht werden. Dem
Willen, nicht dem Gefühl, gehört die deutsche Zukunft. Die Gefühlig-
keit laßt uns weiter bekämpfen, nur das Tatgefühl sei deutsches Fühlen!

Sigismund Rauh

Vom Erlebnis des KriegeS

^^^ancher, der Soldat im Anterstand, die Mutter mit den Brotsorgen
^W R/daheim, der Staatsmann, der Bauer, mag heute beim Erwachen
^^^einen Schauder verspüren vor der großen Tretmühle, in der er
wieder sein kleines Teil leisten soll, der Mühle dieses vom Kriegsfieber
durchschüttelten, von der Schwere stündlicher Vernichtung belasteten, im
Ziele trostlos verdunkelten — und dennoch schönen Lebens. Nur in den
wenigen einsamen Feststunden unserer Seele können wir freilich dieses
Schöne der Gegenwart, die Schönheit des Krieges zum Erlebnis erheben.
Das sind jene Ruhestunden, in denen der Geist der reinen Schau in die
tieferen Zusammenhänge des verworrenen Daseins sich weiht und als Ein-
heit wiedererkennt, was ihn als ein Zerrbild der Vielheit im Alltag quält.
Wer nur eine Glückseligkeit des Erlebnisses gelten läßt, wird zu solchen Stun«
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