Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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den nicht gelangen, und wer mit ein paar rnoralischen Formeln den ethischen
Inhalt der Kriegszeit erschöpft wahnt, dem wird der gegenwartige Krieg
eben als moralisches Erlebnis verschlossen bleiben: so heftig und die klare
Erkenntnis verwirrend wühlen neue ethische Werte, die in ihrer Ungeboren«
heit noch nicht ausgesprochen werden können noch dürfen, im Kampfe mit
ererbter Moral. Aber das Schönheitserlebnis des Krieges kann uns bis-
weilen für kurze Zeit von der Erdenschwere befreien und unser Tun und
Leiden stärken; denn den, der einmal jenes Befreitsein geschmeckt hat,
festigt der Adel des Nicht-verzweifeln-könnens. Ie fester wir dem Kriege,
wie er ist, ins Gesicht sehen, desto eher werden wir aus dieser Schau
diejenige innere Haltung gewinnen, die aus diesem Chaos der Vernichtung
keine lebensfremde asthetische, sondern eine innerlebendige Schönheit erweckt,
in die wir selbst mit eingeflochten sind wie in einem unendlichen Tepprch.

Es geht nicht um die Schönheit des Objekts, sondern des Erlebnisses.
Die Seele, der intensivsten Bestrahlung durch den Krieg ausgesetzt, sammelt
prismatisch seine verwirrenden Farben zu dem einen reinen Licht der Idee
des Kampfes.

Der Krieg ist nicht nur Würger der Schönheit. Das Abermaß der Zer-
störung von künstlerischen Werten kann selbst wieder künstlerische Wir-
kungen hervorbringen. Das einzigartige Bild von Heidelberg verdanken
wir französischen Mordbrennern, und so mag manches der jetzt ver-
wüsteten Kunstdenkmäler, besonders in Belgien, als Torso einen Reiz be-
halten, den ein späteres Geschlecht mit allen Mitteln wird erhalten wollen.
Ganz Ppern zum Beispiel und in seiner Mitte der weltberühmte Markt-
platz, wie er uns aus Fliegeraufnahmen als ein neues Pompeji von
wilder spukhafter Phantastik bekannt geworden ist.

Eine Fülle ungeahnter Eindrücke hat der Krieg den Kriegern geboten:
die flandrische Küste mit ihrem herben schweren Wolkenbehang, die son-
nige Champagne, die Waldschluchten der Vogesen, die stille Unendlichkeit
russischer Flächen, die wilden Karpathenpässe, die rumänischen gelben Korn-
felder und die serbischen Berge. Der Krieger schaute auf der Erde und
unter der Erde, auf dem Meere und unter dem Meere das vielgestaltige
Leben: eine Fülle, die sonst kaum dem Weitgereisten zuteil wurde.
Das alte Schlachtenbild freilich mit seiner farbigen Bewegtheit, seiner
reichen und übersichtlichen tzandlung, mit seiner, man möchte sagen: opern-
haften Eleganz hat aufgehört. Dafür tritt die Einzelszene von gesam-
melter Wucht des Geschehens ein. Wo aber größere Zusammenhänge ge-
geben werden sollen, wird man einen neuen, an Weite des Aberblicks wie
Tiefe der Verinnerlichung gleich gesteigerten Stil suchen müssen, in dem
Mensch und Natur zu belebten Massen verschmelzen. Köpfe wie tzinden-
burg tauchen auf, an denen noch ganze Geschlechter von Künstlern die
menschgewordene deutsche Seele dieses Krieges studieren und bilden werden.
Die Schönheit der Technik, die wir gerade in den letzten Iahren zu er^
obern begannen, feiert jetzt überwältigende Triumphe, die auch künstlerisch
verarbeitet sein wollen. Oder der Dichter findet eine Welt, die so ge-
sättigt ist von poetischen Motiven, daß er nur Hineinzugreifen braucht ins
volle Menschenleben, um eine Ausbeute davonzutragen, wie sie der reich-
sten Einbildung auf dem mühsamen Wege der Erfindung niemals zu-
fließen würde. Was für tzoffnungen endlich für die deutsche Kunst von
innen her an diesen Krieg geknüpft werden, ist bekannt, wenn auch ebenso
umstritten.
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