Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

Seite: 131
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daß er versuchen will, ob das Volk, das ihn wählt, hinter ihm steht. Ge«
lingt ihm das, so bedeutet die Krise allerdings eine Zeitenwende, denn dann
gehen wir einem vollkommen veränderten politischen Leben entgegen.

Was jetzt geschieht, das haben auch und hauptsächlich diejenigen mit
höchster Aufmerksamkeit zu verfolgen, die praktisch in kulturpolitischer
Wirksamkeit ihre Aufgaben erblicken. In demselben Maße, wie sich Macht-
verhältnisse verschieben, verschieben sich eben die Instanzen, die auch für
wichtigste Kulturfragen interessiert, beteiligt, entscheidend sind. Nicht das
Wichtigste ist dabei, daß nun neue Möglichkeiten aufsteigen, um kulturlich
Führende an Stellen zu bringen, wo sie „hingehören". Das Wichtigste
ist, daß mit den erweiterten Möglichkeiten, „nach außen zu bewegen", auch
alle unsere Arbeit immer mehr vom Esoterischen, Sektenmäßigen, Frak-
tionsmäßigen zum Weitsehen und Großsehen, mit wachsenden Rundblicken
zum Verstehen und Sich-verständigen und vom TheoretisierevPzum Prakti-
zieren vorwärts muß. Und dazu wird nicht einmal ein ^Umlernen" und
„Umdenken" genügen, es braucht vielleicht auch ein Ämfühlen der
ganzen politischen Vorstellungswelt dazu. Und zwar für beide Partei«
gruppen, für die linke geradesogut wie für die rechte.

„Ideen" und „Gerneiuschaftswerte"

bei der Bildung einer Weltanschauung im deutschen Volke
^^n einer Gesellschaft hochgebildeter Männer wurde darüber gesprochen,
^^daß im deutschen Bauernstand ein ausgeprägtes, tiefes Heimatsgefühl
^Fvorhanden ist. Dies starke Heimatsgefühl sei im Bauernstand die
eigentliche Kraft tzes Widerstandes und Kampfes gegen den Feind, der

" T. Ks sehle. jedoch dem deutschen Bauernstand weithin

die Heimat b

ein klares GWM. Mr das - Deutsche Reich, für das Vaterland, das in
weiter Größe ihm unfaßbär und unübersehbar in der Runde liegt. —
Diese Tatsache wird von den Kennern des Bauernstandes nur teilweise
bestritten werden können. Sicher ist, daß die Vaterlandsliebe viel mehr
in einem starken, engen, leidenschastlichen Heimatsgefühl vorhanden ist
als im Gefühl für die Gesamtheit des Reiches. Gerade deshalb ist ja
die Zerstörung des Heimatsgefühls und die Entwurzelung im städtischen
Leben eine so große Gefahr auch für die Liebe zu Vaterland und Volk.

Run aber wurde der Ursache dieser Erscheinung nachgeforscht. „Vater-
land^ ist eine abstrakte Idee, die der Bauer, die überhaupt der Un-
gebildete kaum fassen kann. Er kann die abstrakte Idee nicht lieben.
Man kam fast darauf hinaus, daß man irgendwie eine höhere Bildung
haben müsse, um eine volle, bewußte Liebe zum „Vaterland" haben zu
können. Eine „Idee" im Sinne deutscher idealistischer Philosophie ist
nun „Vaterland^ sicherlich. Aber ist eine „Idee" im Sinne deutscher
idealistischer Philosophie wirklich etwas „Abstraktes"? Das scheint sie
doch nur dem, der am wissenschaftlichen Ausdruck festhangt. In diesem
aber hält die Philosophie etwas in einem allgemeinen Begriff fest, was
in seiner mannigfaltigen Wirklichkeit höchst lebendig und „konkret" das
Leben erfüllt und bewegt.

Suchen wir eine deutsche Bezeichnung für diese „Idee" Vaterland!
Wir haben dafür das Wort „G emeinschaft^. Gemeinschaft ist sicher-
lich etwas höchst Lebensvolles und Konkretes. Für sie kann jeder Empfin-
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