Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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Das FrenrdworL an sich wäre nicht das Sprachübel, als das es be--
kämpft zu werden verdient, wenn unsre Sprache nicht schon an und für
sich Verfalls- und Zersetzungserscheinungen zeigte, die es dern Fremd-
wort (wie auch dem deutschen Wort) leicht machen, zum ungefühlten Wort--
stempel, zur Verkehrsmarke, zum unbelebten Füll-- und Phrasenwort zu
verderben. Dennoch wird man gut daran tun, das Fremdwort nicht mit
blindem, unbedingtem Lifer zu bekämpfen, sonders dies zu unterscheiden:
Das Fremdwort steht zu Recht, wenn es mit Kenntnis seiner physischen
Wurzel, seiner ungreifbaren Seele und seiner schwankenden Werte, kurz--
um mit Verantwortung und Äberlegung gebraucht wird: denn dann ist es
kein Fremdwort mehr; dann hat es der Geist durchforscht, durchblutet, durch«
fragt, er hat an ihm gelitten, gleichwie an einem deutschen Wort, er hat
es erobert und in Besitz genommen — es ist kein Fremdwort mehr.
Aberhaupt scheint es mir nicht richtig, die Fremdwortfrage losgelöst von dle-
see sprachlichen Kardinalfrage zu behandeln: ob jene, die deutsch sprechen,
mit Ehrfurcht und jenem liebenden Zartgefühl zur Sprache stehen, das ein
Zeichen hoher Kultur ist.

Dagegen ist das Fremdwort für die Halbgebildeten meist nur ein oe-
quemer Ausdruck, mit dem sie alles Mögliche meinen, was sie in der
Muttersprache in verschiedenen Nuancen und Wortbildungen wiedergeben
wüßten.

So habe ich in der hiesigen Gegend (tzalle) oft das Wort „simelieren"
(auch simulieren, und dies ist wohl der beabsichtigte Ausdruck) gebrauchen
hören; man will damit, ohne die geringste Kenntnis von diesem Worte zu
haben, den Begriff „nachdenken, grübeln" geben. Was ist der psychologi--
sche Grund dafür, daß die Leute, wenn sie „nachdenken" sagen wollen,
„simelieren" sagen? Iedenfalls kein anderer als Bequemlichkeit. Die
volksetymologische Mißbildung überhebt der Wahl, aus dem gegebenen
deutschen Wortschatz: nachdenken, denken, grübeln. sinnen, überlegen usw.
das passende Wort bewußt auszusuchen. Das fremde Wortklischee ver--
einfacht, kürzt ab, es ist ein „Sigel", eine vereinbarte Abbreviatur, sie
erfüllt den Zweck — und ertötet das reiche Leben der Sprache. Der
Sprachgebrauch schafft zahllose solcher Wortkonventionen. Ls gibt keinen
schlimmeren Feind der Sprache, als den, der sie gebraucht, als den Sprach--
gebrauch; denn er ist es, der sie ärmer macht, indem er die gangbaren,
raschen, ungefühlten, praktischen Worthülsen in Kurs setzt.

Rm die Sprache sehe ich einen ungleichen Kampf entbrannt. Da sind
die wenigen Einzelnen, voll heißen Gefühls und schöpferischer Liebe für
das Wort, die eifersüchtig die Sprache zu sich emporziehen, sie gar nicht
mehr aus ihren Händen lassen möchten, um sie rein zu bewahren. And
da ist die große Masse, der das Wort eine niedere Magd ist, die man
ruft, wenn man sie braucht, ohne sie auch nur anzublicken, und der man
keinen Dank und keine Liebe schenkt. Die edle, strenge, anspruchsvolle
Stilkunst steht gegen den verlotterten, flachen Sprachgebrauch, gegen die
Verelendung des Sprechstils, gegen die „Konfektionierung" der Sprache,
die zur „Fertigware" degeneriert. Hans Natonek
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