Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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gehalten und viel zur Erhaltung und Pflege des Deutschturns und der
Anabhängigkeit des Linzelnen beigetragen.

Der sächsische Bauer ist fleißig, das Dorf ist sauber und stattlich. Ein
ungarisches Sprichwort sagtr „Wenn der Sachse keine andere Arbeit hat,
so bricht er sein Haus ab, um es von neuem zu bauen." Die saubern
Giebelhäuser des Dorfes kehren ihre Schmalseite der Straße zu. Die
Ausstattung der Kirche im Innern ist sächsischem Wesen gemäß einfach,
hell und freundlich. In der Nähe der Kirche ist unter den zu einem
Dach verschnittenen Lirtden der Danzplatz. Am Sonntag Nachmittag ist
die Iugend dort im vollsten Staat beim grotesken Spiel einer Bläser--
kapelle versammelt. Die Tracht der Burschen ist einfach; unter dem
dunkelblauen oder schwarzen Rock sieht ein breiter Streifen des hand-
gewebten Hemdes hervor; die engen tzosen stecken in hohen Stiefeln; beim
Kirchgang gibt der buntgestickte weiße Schafpelz den hohen, breiten Ge--
stalten eine besondere Würde. Die Mädchen tragen auf dem Kopf
eine seltsame mit schwarzem Sammet bezogene Pappröhre, aus der viele
bunte Seidenbänder bis über den dunkeln Rock herabhängen. Auf der
breiten weißen Schürze ist mit großen Buchstaben der Name der Trägerin
und die Iahreszahl der Anschaffung gestickt. Vor der Linsegnung haben
die Mädchen rote Käppchen, von der Verheiratung an tragen die Frauen
weiße Tücher, die mit sogenannten Bockelnadeln besteckt sind. Diese bilden
zusammen mit dem vergoldeten Gürtel, auf dem stch rn kleinen Ab--
ständen ebensolche „Bockeln^ befinden, und mit dem „tzeftel" auf der Brust
den Schmuck der wohlhabenden Bäuerin; er ist oft altererbt und wird sehr
in Ehren gehalten. Die Bockeln bestehen aus einer runden Platte aus
vergoldetem Messing oder Silber, auf der, im Kreis am Rande angeord»
net, meist drei oder vier gleichfarbige „Steine" aus Glas mit unterlegter
Seide mit ebensovielen Barockperlen oder emaillierten unregelmäßigen
Kupferkugeln abwechseln. Jn der Mitte sttzt auf erhöhter Metallunter-
lage ein oft größerer SLein oder eine Perle. Das sehr große tzeftel hat
ähnliche Form, doch tritt infolge seiner Größe das Metall mehr in den
Vordergrund. Der alte Schmuck, der auch zu der Bürgertracht gehörte,
weist vielfach fehr schöne Goldschmiedearbeit auf. Außer den Goldgürteln
werden solche aus Leder getragen, die aus schmalen Riemen in vielen
Farben geflochten sind und sehr originell und hübsch wirken. Was sich
sonst an heimischem Kunstgewerbe erhalten hat, findet sich als Schmuck
und Stolz des tzauses in der großen Wohnstube des Bauern. Da zieht
sich oben rings um die Wände ein buntbemalter tzolzrahmen, auf dessen
Brett Zinn» und Tonteller stehen und an dessen hölzernen Nägeln die
bunten Krüge hängen. Die kommen auf jeden Iahrmarkt in denselben
Formen wie vor IahrhUnderten. Auch auf gewerblichen Ausstellungen
im Neich sind sie mehrfach erschienen, doch meist nur mit der Marke
„Ungarn" versehen; daß es sich dabei Um echt deutsche tzeimatkunst han«
delt, wurde nicht erkannt.

Außer der Keramik bildet die Leinenstickerei den tzauptzweig deutscher
tzeimatkunst in Siebenbürgen. Sie wird in jedem sächsischen tzaus in
Stadt und Land geübt. Bei den Bauern zeigen der hoHaufgeLürmte
Bettvorrat des großen Paradebettes und zahlreiche Wandbehänge die
prachtvollen Iopf« und vor allem Kreuzsticharbeiten der Bäuerin. Der
Flachs ist selbst gesponnen, das Leinen selbst gewebt, die vielfältigen Muster
und die einfache Farbengebung stnd alt vererbt. Die Farbe der Stickerei
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