Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,4.1917

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es aber von einem Leser, der es nicht nur als Kunstwerk genießen, der es
auch als Denkwerk verarbeiten will, besonderes Wachhalten seiner eigenen
Kritik. Denn hinter dem Denker steht der Künstler Klinger, und nngesehen
vom Denker bestimmt er ihn doch, diejenigen Gründe als die richtigsten zu
betonen, welche die Praxis des Künstlers von der Theorie her stärken.
Wäre nun Klinger, wie manche behaupten, „literarisch" mitbestimmt, so
würd er in seiner Schrift über „Malerei und Zeichnung" eintreten für
Anekdoten und Geschichten. Für lyrische, epische, dramatische, für geist-
reiche und tendenziöse Malerei, für möglichst viele „Ideen" darin. Rnd
all das bekämpft er mit seiner Schrift. Klinger fühlt sich als Bildner,
durchweg als Bildner, und dieses bestimmt auch seine Theorie. Lr ist
auch, wo er meißelt oder modelliert, ganz Bildhauer, wo er malt, ganz
Maler, wo er raumkünstlerisch ein Gesamtkunstwerk gestalten will, Archi«
tekt im größten Sinn, jedenfalls immer: Bildner, der für die Anschau-
ung gestaltet. Aber als solcher, als Bildner, ist er sehr oft Dichter
fürs Auge, Poet.

Nicht immer. Wenn er malt, denkt er nur ans Malen. Malen ist
seiner Theorie das Festhalten des als schön empfundenen Sichtbaren,
„der vollendetste Ausdruck unsrer Freude an der Welt". „Sie hat die
farbige Körperwelt in Harmonischer Weise zum Ausdruck zu bringen."
Seine Theorie unterscheidet zwischen „Poetischem" und „Literarischem"
in Bilderkunst nicht scharf, sein Kunstgefühl tut es. Der überfallene
„Spaziergänger" aus Klingers Frühzeit, in dem tatsächlich „Literari-
sches" steckt, setzt seinen Weg nicht in Klingers Gemälde fort, sondern
er bricht durch «die Mauer und rettet sich in den Garten Griffelkunst.
Aber das Ienseit des Künstlers, das Poetische, ist auch bei Klingers Ge-
mälden da. Denn es rst da rn Klingers Ich, und läßt sich daraus so
wenig verdrängen, wie es sich zu einem, bei dem es nicht ist, Hindrängen
läßt, auch, wo er nicht als Maler, sondern als Griffelkünstler arbeitet.
Das Entscheidende liegt tiefer, als bei der Gattungsfrage: Malerei oder
Griffelkunst?

Äichts öffnet über diese Verhältnisse die Augen besser als das Ver-
gleichen Klingerscher Kunst mit einer, die ihr aufs allernächste verwandt
erscheint. Klinger und Greiner waren befreundet und beide haben auf-
einander gewirkt. Nun vergleiche man ihre Griffelkunst. Manche von
Greiners vortrefflichen Blättern muten zunächst nach Stoff und Gestal-
tung fast wie Klingersche an. Gezeichnet sind sie oft noch besser, er
„konnte", was Klingern mindestens bemühte. Aber ihm fehlte das Auf-
quellen des Traums ins Wachen. And so bleiben seine Allegorien
Allegorien, seine Gestalten verschönerte Modelle, seine Kompositionen ge-
schmack- oder lgeistreiche Arrangements. Nur in besonders glücklichen
Stunden blickt in seine Gestalten das wenigstens hinein, was die Klinger-
schen nicht immer, aber eben in seinen „Poeten"-Werken von innen heraus
regiert. Manchmal ist Klinger ja wie als Bildhauer nur Bildhauer, so als
Maler nur Maler. Nicht, daß ihn dann „die modernen Probleme der
Malerei" gefesselt hätten, Fragen der Instrumentation werden ihm wohl
gelegentlich bei der Plastik, aber kaum je bei der Malerei zum Selbst-
zweck. Doch er ist mitunter Nur-Maler insofern, als er dann nur Fest-
halter des schönen Sichtbaren ist mit dem Ziel: ruhevoller Abglanz
schöner Körperlichkeit und edel sich färbenden Lichts. Die Freude an der
Menschengestalt mit ihren Beseligungen für den, der durchs Auge ge-

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