Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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Standhaftigkeit in Not und Gefahr, endlich nicht zuletzt die stolze Ver-
achtung der Lügen und Schmähungen, denen er wie wenig andere unter
den Grotzen unseres Volkes ausgesetzt gewesen ist. In allem dem können
wir zu Luther aufblicken als dem deutschen Mann, der jedem von
uns, so niedrig oder so hoch er gestellt sein mag, ein Vorbild sein kann,
und in dessen sieghafter Persönlichkeit wir eine Bürgschaft der Zukunft
des deutschen Sieges und des deutschen Staates erblicken dürsen.

In alter Treue

Ihr

Wilhelin Wundt.

Ein Katholik an die Protestanten

erdinand Avenarius hat mich gebeten, in dem der Reformation ge-
widmeten Hefte seiner mir seit Iahren lieben und vertrauten Zeit-
schrift von meinem katholischen Standpunkte ein Wort zu sagen.
Und da, wie ich die Verhältnisse kenne, nicht viele unter meinen Kon-
fessionsgenossen sein werden, die sich zu dem delikaten, so viele Wunden
berührenden Gegenstande äußern mögen, so will ich es wagen, einiges
von dem, was viele der Nnserigen seit langem bewegt, auszusprechen —
in der Hoffnung, allen Volksgenossen damit zu dienen.

Zweierlei wollen wir von vornherein scharf auseinanderhalten: unsere
Stellung zu der Reformation als einem objektiven Geschehnis, als einer
Gegebenheit, und unsere Stellung zu denjenigen aus unserem Volke,
die sich zu den Ideen und den Wirkungen dieses geschichtlichen Ereig-
nisses bekennen.

Das Verhältnis des Katholiken, der wirklich katholisch ist, zur Re-

formation selbst, ist ein für allemal unverrückbar festgelegt; und wenn ich

sage „Katholik", so nehme ich keine Schattierung — die gibt es nämlich
unter uns, gerade wegen des katholischen Einheitsprinzips, das die
Grenzen des Wesentlichen genau zieht, in reicher Fülle — dabei aus.
So sehr es den Deutschen schmerzt, es muß klar gesagt sein: Wir
können uns der Reformation nicht freuen, unser Herz ist voll Trauer
und bitteren Wehs beim Blick in die Verlustrechnung, die oberfläch-

lichste Erinnerung uns auftut. Nicht als ob alle Einsichtigen unter uns
nicht wüßten und es offen aussprächen, daß die Reformation mittelbar
auch unserer Kirche Nutzen gebracht hat, zum mindesten insofern, als
durch die von ihr geschlagene Wunde viel Krankheitsstoff aus ihr aus-
geschieden wurde, und die Narbe eine bleibende Warnerin und An-
treiberin war und noch ist. Aber das ist ein karger Trost. Zu viel

hat die Reformation uns genommen — uns allen: nicht nur unserer
besonderen katholischen Konfession, sondern dem ganzen deutschen Volks-
tum. Nnersetzliche geistige Werte und Entwicklungsmöglichkeiten wurden
teils vernichtet, teils brach gelegt; wir sind in mancher Hinsicht seelisch,
gemütlich und vor allem auch ästhetisch ärmer geworden als viele andere
Nationen. Es hilft auch nichts, daß die ruhig Denkenden unter uns
endlich auch über einen Luther maßvoll und gerecht zu urteilen suchen:
nach seiner rein menschlichen Persönlichkeit halten wir ihn, unter An-
erkennung seiner im Kern lauteren Absichten, für ein religiöses Genie;
aber wir haben nicht bloß mit den natürlichen Faktoren, sondern vor
allem mit den metaphysischen Gegebenheiten, mit dem sns rsalissimum
der positiven Offenbarungsgüter zu rechnen — und da reicht der Mann
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