Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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wiesenen Äberlegenheit war der Inhalt des ersten Adelsstolzes und die
Ursache der Bildung einer Adelskaste. Die kriegerische Äberwindung der
lirbevölkerung hatte dem eingedrungenen Lroberervolk die Macht der poli-
tischen Führerschaft und damit auch ihre Pflichten überantwortet. Sich
die dafür erforderlichen Eigenschaften zu erhalten, war der Zweck der
Abschließung, die jede Vermischung mit dem unterdrückten Volksteil als
eine Gefährdung der eigenen Führerqualitäten ansah.

Das bleibt im Grundsatz auch heute noch der Inhalt des Adelsproblems.
Aber es fragt sich, ob die Eigenschaften, die in jenen rauheren Zeiten
zum Führertum geschickt machten, auch heute noch allein dafür ausreichen,
oder ob nicht die Zeit von denen, die heute Führer des Volkes im politischen
und sozialen Leben sein sollen, eine andere Mischung der Fähigkeiten
beansprucht. Es wird kaum jemanden geben, der das ernsthaft verneinen
könnte. 'Der politische Kampf der Völker hat sich sehr stark differenziert,
das Wirtschaftsleben ist über die einfachen Zustände der Erobererzeit
unendlich weit hinausgewachsen und sehr feingliedrig geworden. Zwischen
beiden Sphären, der politischen und der wirtschaftlichen, bestehen enge
Wechselbeziehungen. Kurz und gut, wer heute Führer sein soll, muß
seine Eignung dazu auf zum Teil andere Eigenschaften stützen als die--
jenigen, die in einer Zeit der vorwiegend äußeren Gewalt ausreichten.
Dabei werden die damals eine Äberlegenheit begründenden Eigenschaften
gewiß auch nicht unterschätzt werden dürfen, und man wird sie dort, wo
sie mchr oder weniger rein weitergezüchtet worden sind, als schätzenswerte
Grundlage anerkennen müssen. Aber es muß ihnen ein Blutstrom der
neuen Zeit beigemischt werden, um sie auch für uns fruchtbar werden zu
lassen. Und das eben sollte die Aufgabe neuer Nobilitierungen sein.

Wenn wir den Adel ansehen als die Führerschaft des Volkes, die damit
auch die Pflicht hat, sich gegen einen solchen Zuwachs abzuschließen, der sie in
ihren Führerfähigkeiten beeinträchtigen könnte, dann würde also die Not-
wendigkeit vorliegen, ihr beständig solche Persönlichkeiten einzugliedern,
die ihre Eignung zur Führerrolle erwiesen haben, aber auch nur die.
Die Nobilitierung würde damit als Besserungsmittel neben die unvoll-
kommene Auslese zu treten haben, wie sie der moderne wirtschaftliche und
soziale Lebenskampf ausübt. Er steht überwiegend unter dem Gesichtspunkte
des äußeren Erfolges. Iedem, der sich mit offenen Augen umsieht, be°
gegnen Erscheinungen, bei denen der Widerspruch zwischen der inneren
Würdigkeit und dem äußeren Erfolg offensichtlich ist. Die Bestrebungen
aller unserer Sozialreformer gehen im Grunde doch darauf hinaus, hier
einen Ausgleich zu schaffen. Das Adelsproblem so aufgefaßt, wie wir's
hier kurz entwarfen, würde im Rahmen dieser selben Gedankengänge zu
würdigen sein. Iohannes Buschmann

Dieser Aufsatz ist schon vor dem Kriege geschrieben! K.-L.

Vom tzeute fürs Morgen

Zum Totentage

ie ein Iüngling jubclnd zog er
hinaus, dann sah er viele um
sich fallen, die er liebte, nun seinen
Herzensfreund, nun seinen Brudcr.

Allmählich veränderte der Krieg so
selber sein Gesicht für ihn, der eigene
schöne Rausch wich, der tiefe Ernst
kam, der Wille blieb. Wo die Pflicht
ihn forderte, da war er. „Leutnant sein,

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