Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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heißt seinen Leuten vorleben, das Vor-
Sterben ist dann wohl einmal ein Teil
davon." Auf ösel ritt er als Kom-
pagnieführer nach dem Gefcchte anf
eine Schar von Russen zu, um sie
aufzufordern, sich zu crgcben. Da traf
ihn eine späte Kugel. Das ist das
Kriegsschicksal des prächtigen Menschcn
Walter Flex. Ein Schicksal von hnn-
derttausenden gleicher Rrt! „Und fahr'n
wir ohne Wiederkchr, Rauscht nns im
Herbst ein Amen."

Der Totengedenktag während des
Krieges zum viertenmal. Nur wem's
aus dem Tiefsten das Wort hcranf-
zwingt, nur der soll jetzt noch sei-
nen Spruch dazu tun. Wir erleben,
wie, seit wie lange schon, kein Men-
schengeschlecht erlebt hat. Keine auf-
gabegemäß gemachten Begleitreden da-
zu, um Gottes willen jetzt keine
Phrasen! A

Zu Hauptmanns „Winterballade"

ramatisiert" ist ein unglückseliges
Wort: es trägt den Sklaven-
stempel auf der Stirn. Und doch gibt
es auch hinter diesem Gitter Freie und
Unfreie. Es ist etwas andres, ob das
Vorbild Berthold Auerbach oder Selma
Lagerlöf, ob der Bearbeiter Charlotte
Birchpfeiffer oder Gerhart Haupt-
mann heißt. Ia, schon woher ich
nehmc, macht einen Untcrschied: aus
einer Waldquelle darf ich schöpfen, so°
viel ich will, der Bcsitzer eines artesi-
schen Brunnens kann mich vcrklagen,
wenn ich mir aus seinen künstlichen
Röhren nur eincn halben Liter pumpe
— und ist doch Wasser hier wie dort.
Mit andern Worten: Naturnähe ver-
pflichtet zur Freigebigkeit; auch in der
Literatur. Nun gibt es aber unter
den zeitgenössischen Erzählern kaum
einen zweiten, der den Naturkräften so
nahe steht wie die Schwedin aus dem
weltentlegcnen Märbacka in Wärm-
land, die Schöpfcrin der Gösta-Ber-
ling-Saga, der Christuslegenden und
der religiösen Bauernbilder ihrer nor-
dischen Heimat, die sich „Ierusalem"

nennen; niemand unter den zweifel-
süchtigen, mißtrauischen Akodernen hat
sich bei aller Kunst so unversehrt die
gläubige Einfalt schöpferisch - naiver
Phantasie bewahrt, niemand ist mit
Polkslied, Märchen, Sage, Mhthus
und Legende cnger verwandt als sie.
Deshalb bedeutet einen Absenker vom
Baum ihres Reichtums nehmen, kaum
mehr, als einen Zweig aus der Edda
oder der Kalewala brechen. Fragt sich
nur, wie mau ihu verpflanzt und was
man daraus zieht. . . Aoch einmal:
Selma Lagerlöf ist kein Auerbach und
Hauptmann keine Virchpfeiffcr. Wer
das „Friedensfest", die „Linsamen
Menschen", die „Vcrsunkcne Glocke"
und den „Michael Kramer" geschrieben
hat, braucht den Vorwurf frauenzim-
merlicher Nachbeterei nicht zu fürchten;
auch in seinen historischen nnd seinen
naturalistisch - sozialen Hcimatsdramen
ist genug von persönlichem Erlebnis-
gehalt, von Amwandlungskraft eigenstcn
Gefühls, um über deu. Nchmer immer
wieder deu Gcber triumphieren zu las-
sen. Selbst in der „Elga", dem aus
Grillparzers Novelle „Das Kloster von
Sendomir" geholten Nocturno, in
„Kaiser Karls Geisel", dem aus einer
altitalienischen Quelle schöpfcnden Le-
gendenspiel, in der „Griselda", die sich
ihren Stoff aus den Volksbüchern, und
in dem „Bogen des Odysseus", der
ihn sich aus dcm Homer leiht, erkennt
man die eigentümliche Hanptmannsche
Prägung, die durch die Form hin-
durch auf deu Grund des Gefühls und
der Weltanschauung geht. Ein echter
Dichter kann am Ende gar nicht an°
ders, als jedes Pfropfreis nach den
Gesetzen seines eigenen Organismus
umzubilden.

Oder doch? Auf das Titelblatt sei-
ner neuesten dramatischen Dichtung
„Winterballade" (Vuchausgabe
bei S. Fischer, Bcrlin) hat Haupt-
mann den Satz drucken lassen: „Herrn
Arnes Schatz, die schöne Erzählung
von Selma Lagerlöf, hat dieses Werk
angeregt." Ich zweifle nicht an der

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