Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,1.1917

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Staats, Abernahme von Bctrieben oder
Handelszweigen in öffentliche Verwal-
tung heiße an Stelle der frischen und
verantwortungsfrcudigen Initiative des
auf sich selbst gestellten Einzelnen, der
weiß, daß es um sein Wohl und Wehe
geht, die träge, zögernde, gleichgültige
Kanzleiarbeit des festbesoldeten „Büro-
kraten" setzen, der nichts riskiere, weil
der Anreiz des Gewinnes fehle oder
weil er sich's nicht getrauen könne,
und dessen wirtschaftliche Betätigung
also von vornherein zur Unfruchtbar-
keit und Anwirtschaftlichkeit verdammt
sei.

Es liegt viel Anrecht gegen unser Be-
amtcntum in solchcm Mißtrauen. Aber
ganz grundlos ist es auch wieder nicht,
das muß zugegeben wcrden. Darum:
wo der Staat wirtschaftcn odcr Wirt-
schaft verwalten will, tue er es nicht
mit Beamten, sondern mit Fachleuten,
die auf privaten Dienstvertrag ver-
pflichtet sind, die Gehalt und Tan-
tieme beziehen, denen gckündigt werden
kann wie jedem Privatangestellten. In
unsere Zeit paßt der Beamte nicht
mehr herein oder auch: noch nicht
herein. Denn die Gesinnung des treuen
Staatsdieners, der sich gewissermaßen
mit Leib und Seele dem Dienst des
Königs oder des Volkes vcrschreibt und
dafür die Untcrhaltsrente, Gehalt oder
Pension genannt, bezieht, über die hin-

aus er keinen Gewinn für sich erstrebt:
diese Gesinnung ist zu rar geworden,
als daß man sie bei einem Beamten
ohne weiteres voraussetzte. Viel-
leicht kommt sie wieder, dann wird
auch der Gefühlswert des Wortes
„Beamter" sich wieder ändern.

Schairer

Das Licht in der Nacht

enn ein Mann auch so alt wäre
wie Nestor und so weise wie sie-
benmal sieben Weise zusammengenom-
men, so müßt' er doch — eben darum,
weil er so alt und so weise wäre —
einsehen gelernt haben, daß man im°
mer weniger von den Dingen begreift,
je mehr man davon weiß; daß gegen
eine lichte Stelle, die wir in der uner-
meßlichen Nacht der Natur erblicken,
zehntausend in Dämmerung und zehn-
malzehntausend im Dunkeln vor uns
liegen; und daß, wenn wir uns auch
von diesem Erdklümpchen, das uns ein
ungeheures Weltall scheint, bis zur
Sonne aufschwingen, und in ihrem
Lichte dies ganze Planetensystem mit
allem seinem Inhalt und Zubehör
so deutlich übersehen könnten, wie je°
mand von der Spitze einer Terrasse
seinen Garten übersieht, dies nämliche
Planetenshstem nun abermals nichts
mehr für uns wäre als — eine lichte
Stelle in der unermcßlichen Nacht der
Natur. Wieland

Unsre Bilder

^»^em Feste zu Ehren stellen wir an die Spitze des Hefts mit dem schöncn
>-^^Schattenschnitt des Architekten F. W a g n e r-Poltrock eine „Ruhe auf der
Flucht". Die Pflege des Schattenschnitts ist jeht wiedcr so in Aufnahme
gekommcn, daß uns Vom Kunstwart gelegentlich bange werden kann vor den
Geistern, die wir da riefen. Wer etwas Geschicklichkeit in den Fingern und ein
wenig Blick für den Umriß im Auge hat, der meint, er könnte „das", es kann's
aber nur, wer das Charakteristische eincs Körpers in seinen Umriß hincinzusehn,
wcr fcrner das Gefühl dcs schneidendcn Instruments dem Beschauer mitzuteilen,
wer eineu Raum schön zu füllen weiß — und schließlich: wer außcrdsm auch
ein Künstler ist. Treiben wir's weiter, wie jetzt meist, wo das Schnittmäßige an
einem Schattenbild oft nur die stumpfsinnige Geschicklichkeit ist, die auch schnitzeln
kann, was sich cbensogut zeichnen ließe, und wo man sogar — knips! — „Sil-
houetten photographiert", — so entwickeln wir keinen Schattenschnittstil, sondern
wir verpfuschen, was wir etwa noch davon haben. Lin Thema, auf das wir

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