Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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ziehen. Die in den Festen gefeierte Vergangenheit ist der Trost und die
Zuversicht einer wnnderlosen Gegenwart, das äußere Wunder, das den Wunder»
charakter der heute nur mehr vorkommenden inneren Wunder als solchen er°
kennbar und glaubhaft macht.

Für den modernen Menschen verhält sich all das gerade nmgekehrt. Für
ihn ist die Bürgschaft aller Realität der übersinnlichen Welt die Kraft und
Stärke seiner eigenen religiösen Innerlichkeit, in der sich ihm sein Zusammen--
hang mit dem tiefsten Grnnde der Wirklichkeit kund tnt und von deren Gehalt
und Lebendigkeit aus er erst alles Historische ergreift und deutet. Wenn ihm
diese Innerlichkeit auch nur aus der Geschichte zuwächst, so wendet er sich doch
mit einem aus der letzteren genährten Innenleben wieder gegen sie und ver-
steht sie nur als Mittel für die Nahrung und Ausrichtung seiner seelischen
Erlebnisse. Nichts anderes hat Hegel, der heute noch große Religionsphilosoph,
gemeint, wenn er sich an die „christliche Idce" als die reichst entfaltete Gestalt
der „religiösen Idee" hielt und alles Historische der „Vorstellung" zuwies, in
der sich diese Innerlichkeit älteren Zeitaltern instinktiv als Realität äußerer
Art darbot, weil man die Realität der Innerlichkeit für sich allein noch nicht
begriff. Die Selbstumsetzung der Idee in den Mythos und das Bedürfnis des
Kultus nach Heros und Mythos sinü ihm die Wurzeln der großen Feste, in
denen die Aberlieferung des Wunders zur neuen Gegenwart des Wunders wird
und die Wunderbürgschaft für das Reich der Fnnerlichkeit Iahr um Iahr vor
die feiernde Gemeinde tritt.

Wcnn auch Hegel hierbei die religiöse Idee in die Bande seiner dialektischen
Entwicklungs-Metaphhsik schlug und dem eigentümlichen Gehalt gerade der
religiösen Erlebniswelt die von dem viel breiteren Standort der allgemeinen
Spekulation aus gewonnene Idee der spekulativen Welteinheit unterschob, so
kann auch der überzeugteste Bekenner einer spezifischen Eigentümlichkeit der
religiösen Lebenswelt doch das Verhältnis der religiösen Innerlichkeit zum
religiösen Mythos und kirchlichen Kult nicht anders auffassen. Auch Schleier»
macher, der andere große Religionsphilosoph neben Hegel, hat diesen Sachver-
halt nicht anders aufgefaßt und aus der gegenwärtigen Innerlichkeit des
„frommen Gefühls", wie er statt „Idee" zu sagen Pflegte, alles Historische und
Mythische erst gewürdigt und begründet; freilich hat er, der immer Prediger
geblieben ist und zunehmend unter den Einfluß des kultischen Bedürfnisses
geriet, dabei mehr herauszuholen versucht, als die reine Innerlichkeit zu ge-
währen vermochte, und ist er gerade damit dem gegenwärtigen Geschlechte fremd
geworden, das seine Monologen liebt, seine „Reden über die Religion" literar»
historisch würdigt und seine Glaubenslehre nicht mehr versteht.

Von diesenl Standpunkt aus ist eine seelische Haltung zu den christlichen
Festen möglich, die, um Historie und historische Kritik völlig unbekümmert,
wieder naiv wird und in ihnen wie in der ihnen zugrundeliegenden evangelischen
Geschichte nur Shmbole einer religiösen Lebenswelt sieht, die nun einmal unsre
europäische Religion ist und bleiben wird, die tief in die Grundlagen unsres
Dascins eingesenkt ist und in immer neuen und andersartigen Anläufen zu
seinen Spitzen emporstrebt. Man wird zugleich an alle jene Bilder trener
Meister denken, die den Mhthos in voller Anbekümmertheit um die Historie
als Ausdruck ihres Gefühls und als Bekenntnis ihrer Völker gemalt haben,
an all die Tonwerke, in denen er eine erschütternde und ergreifende, von Wort
und Gedanken freie Stimme gewonnen hat. In alledem zusammen wird man
darum ganz einfach und schlicht die religiöse Grundsubstanz vcrnehmen, die die
einzige wirkliche Substanz unsres religiösen Lebens ist und die in allen
Sondermeinungen und Sondergefühlen literarisch bewegter und kritischer
Zeiten doch nur ausgefranst und umgemodelt wird, um immer wieder zu ihren
eigenen Lebenstiefen zurückzukehren. Ich glaube kein Wort von einer bevor-
stehenden neuen Religion und halte all die heute so verbreitete Neigung zu
sxotischer Religionsliteratur nur für das Spiel eines Gewohnheit gewordenen
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