Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Baterland ihrer Art und Kultur hetzen. Sie stärken dadurch diejenigen
Elemente unter uns, welche die Zertrennung unsres Volkes für unerträg-
lich halten, weil, wie sie meinen, die, welche unparteiisch gegen ihre
eigene Art stehen wollen, durch die innere Logik der Dinge ins Rene-
gatentum getrieben würden. Haben sie etwa recht?

Weshalb verzichten wir denn «uf die „Lrlösung" unsrer Irredenten und
bereits auf eine dahin zielende Agitation?

Einmal, weil wir die Teilung unsres Volktums in mehrere selbständige
Zweige für kulturell ungemein fruchtbar halten. Es macht das deutsche
Dolktum nicht schwach, sondern stark, und nicht arm, sondern retch, daß es
sich in verschiedenen staatlichen Gebilden verschieden entwickelt.

Und dann, weil Mischstaaten, wie die Schweiz und Österreich, uns über-
haupt — schon wegen ihrer Bedeutung als Vorformen des zukünftigen
Dölkerbundes — so wichtig scheinen, daß wir ungern unvertreten in ihnen
bleiben würden.

Die Gefahren des Renegatentums aber, obwohl wir unter den Quer-
treibereien dieser Selbstbeschimpfer jetzt schwer zu leiden haben, haltsn wir
dennoch nicht für größer als die Vorteile. Es sind doch meist nur schwäch-
liche Geister, obwohl sie sich um ihrer Rabiatheit willen selbst für groß-
mächtige tzelden nehmen. Man sollte weniger auf sie achten und ihre
Faxeu und Funksprüche weniger ernst nehmen.

Man kann sich zu seinen Irredenten doppelt stellen. Entweder so, daß
man sis gegen ihre. Wirtstaaten aufputscht. So geschieht es bei Serben,
Italienern, Rumänen und leider auch bei Polen. Oder umgekehrt so,
daß man sie als Binde- und Freundschaftglieder zu den betreffenden
Staaten einschätzt, wie wir es tun. Mir scheint diese unsre Auffassung uin
ein Erkleckliches ethisch höher zu stehen.

„Richtig, aber wenn die »Uuerlösten« diese ihre Kulturaufgabe nicht
verstehen, sondern durch jenes Renegatentum durchkreuzen?"

Das ist es eben, was wir ihnen zur Erwägung vorlegen wollen. Kann
es ihr Interesse sein, die zurzeit noch sehr schwache Richtung unter uns
zu stärken, welche sich nach Art der Panslawisten, Rumänen, Italiener
gebärdet? Bonus

Jakob Burckhardt

Zum M. Geburtstag am 25. Mai

ls Burckhardt* mit vierzig Iahren (s858) vou Zürich nach seiuer Vater-
stadt Basel zurückkehren durfte, um hier den Lehrstuhl für Geschichte und
'^v'Kuustgeschichte zu überuehmen, faud er sich, was die äußere Lebens-
gestaltung anbetrifft, am Ziel seiner Wünsche. Nirgends sonst wollte er leben
als da, wo er von Natur hingehörte. Er branchte neben seiner wissenschaft-
lichen Tätigkeit eine „bürgerliche Existenz", ohne die der Mensch unvoll-
ständig sei. Als Schriftsteller hatte er das Zeitalter Konstantins und den
Eicerone bereits hinter sich, damals in Basel vollendete er in glücklichster

* Seine Schriften: Die Zeit Eonstantins des Großen, (853. Der
Cicerone, eine Anleitnng zum Genuß der Kunstwerke Italiens, (855. Die Kultur
der Renaissance in Italien, (860. Die Architektur der Renaissance in Italien,
(867. — Dann, ans dem Nachlaß herausgegeben: Beiträge zur Kunstgeschichte
von Italien und Erinnernngen aus Rubens, die beide druckfertig vorlagen,
während die vierbändige Griechische Knltnrgeschichte nur znm Teil auf ein Ori-
ginalmanuskript Zurückgeht und für die „Weltgeschichtlichen Betrachtnngen" (der
Titel ist nicht echt) ein lesbarer Text überhaupt erst geschaffen werden mußte.
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