Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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im bchaglichcn odcr entzücktcn, lasziven odcr fast „wissenschaftlichen" Bcschreiben
erotischer Wonnen, ohne die Dämonie des Liebesrausches auch nur ahnen zu
lassen. Die gesamte „westliche" Kultur drängt den Menschen von Iugend auf
ab von diesem Rausch; Religion, Sitte und Gesetz verwehren ihm so oder so
das Versinken in blinde Leidenschaft, die man bei nns sogar oft in das Gebiet
der geistigen Erkrankungen zu rechnen Pflegt. Verdrängte Triebe, die sich in
Verbrechen, in Torheiten, in Liebhabereien, in Kunstschöpfungen und in tausend
andereri Möglichkeiten des Ausdrucks einen Weg zur Äußerung bahnen, kenn-
zeichnen daher unser; Seelen- und Tatleben viel stärker als die meisten wissen
und wissen können, da überliefertermaßen die Anfmerksamkeit davon abgelenkt
wird. Ersl lange nach der „Befreiung der Persönlichkeit" durch die Renaissance,
nachdem Shakespeares Urkrast in „Romeo und Iulia" den gewaltigen Akkord
gcwaltig angeschlagen hatte, nachdem die Schilderung erotischer Vorgänge
längst „freigegeben" war, tauchte der Drang allgemeiner auf, sich zur Hingabe
an die Furchtbarkeiten des begehrenden Erlebens zu bekennen. Goethe
hat diese Furchtbarkeiten fühlen lassen, sein Bekenntnis aber abgeschwächt.
Schiller läßt sie nicht minder fühlen, stellt ihnen aber das Bekenntnis zur
moralphilosophisch durchdachten Lebensführnng entgegen. Bei Grillparzer rau-
schen „Des Meeres und der Liebe Wellen" dunkelglühcnd auf, ohne doch letzte
Gründe bloßzulegen. Erst Wagner gibt im „Siegfried" unverhüllt den Rausch,
eine Musik, die sinnlich jnbelt und zündet, einen Zwiegesang, der alle Stadien
der Geschlechterliebe bis zur seligsten Vereinigung erkennen läßt; und gibt in
„Tristan und Isolde" das mgnumentale Bekenntnis zur Eigengesetzlichkeit des
Lebens in Liebe, obzwar diese Gesetzlichkeit durchfilzt ist von Schopenhauer-
schen uud indischen Begriffen und Vorftellungen. Keller hat mit „Romeo und
Iulia auf dem Dorfe" fich an dem Gegenstand versucht, Nietzsche hat ihn durch
zahlreiche lockendc Lichter erhellt. Dic neneste Zeit kannte von der Liebe fast
nur die psychologische oder die soziologische Seite. Selbst Dehmels „Zwei Men-
schen" sind noch Schildcrung; nur einige seiner Gedichte glühen von Erlebuis.
Nun ist während des Krieges Gerhart Hauptmann in die schreckhaften
Bezirke gott-, geschicht- und gesetzloser Liebe eingedrungen, alle Gebundenheit
des Menschen hinter sich lassend. Ls ist sehr „einfach", was sich in der kurzen
Novelle „Der Ketzer von Soana" begibt, nnd ist zugleich von bezwingender Ge-
walt. Zwischen einem jungen katholischen Priester, der als ganz in kirchliche Dog-
matik eingeschmiedeter Fanatiker schwere Widerstände zu überwinden hat, und
einem ganz naturhaften Kind der südlichen Berge spinnt sich Liebe an; rasch
glüht sie auf, in ihrem verzehrenden Feuer verglimmt Gesinuung, erlernte
Lebensanschauung und aller Glaubc des Mannes, in dem allerurtümlichste
Mannheit herrschgewaltig erwacht, verglimmt wie Iunder der leichte Wider-
stand des Weibes, und schrankenlos ergreifen die dämonischen Triebe von
beiden Besitz. In einer wundervollen Schlußvision läßt der Dichter schaucn,
daß er nicht nur entfesselten Rausch und Lrmliche Ernüchterung in dieser Welt,
in dem Bereich des Lros puntoicrLtsr, sieht, sondern daß er glaubt, auch sie
köune Erfüllung aller Sehnsucht, dauerndes Glück verheißen. Freilich mußte
er dies alles aus dem Kreise moderner Kultur hinausverlegen, seine Dich-
tung spielt in den Hirtenalpen des Monte Generoso, in einem farbenschönen
Paradies von Bergen hoch über dcm See, von Blumen und Triften, wo ur-
alte „heiduische" Kulte, von katholischen Schleiern kaum verdeckt, im Halb-
schlaf liegen, wo die Erde selbst, mit wilder Kraft zeugend, Iahr für Iahr
Leben im Äbermaß neu erblühen läßt, in einer Welt, auf welche die Sonnc
Homers doppelt liebevoll niederglüht. Sehe ich recht, so steckt in diesem schmalen
Baude das erste Bekenntnis zur Hcrrsch-- und Allgewalt der Liebe ohue jcgliche
Bciinischung von Reflexion oder gar von Tragik. Wäre die Novelle sclbst cine
nur mittelmäßige Dichtung, dies allein würde viel bedeuten. Als Vision und
als Bekenntnis haftet sie gleichermaßen im erschütterten Gedächtnis. Wie
mir scheint: nicht ebenso als Sprachwerk. Mühsam mutet im Anfang vor allem
cin großer Teil dieser Prosa an. Zu ganz freiem Flusse gelangt sie kaum in
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