Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Umwälzungen geschehen, den Weg beschreiten, auf den schon Konfutse wies?
Line Frage, von welcher der Gang der Weltgeschichte abhängen wird. Autzer
jenenr wären noch zwei Wege offen: der Weg Laotses, der im Gegensatz zu
Konfutse den Menschen als Selbstzweck setzt und die Vervollkommnung der
Menschheit von innen her anstrebt auf Grund allgemeiner Menschenliebe.
Aber dieser Weg, der „europäischste" von allen Religionspfaden des Orients,
ist am wenigsten begangen nnd am stärksten verschüttet durch Aberglauben
der Sekten. Bleibt als dritter der Weg Buddhas. Die Lehre des Lrhabenen,
die sich von China über Tibet bis Ceylon zieht, urrd die übrigen Religionen
Indiens tragen alle das Merkmal des Pessimismus an sich. Der Glaube an
die Seelenwanderung hemmt das Vorwärtsstreben auf der Erde. In den
Formen der indisch-tibetanischen Welt bedeutet er nicht ein Lrklimmen rmmer
höherer Regionen, sondern ein Auf und Ab, ja, ein Gehetztwerden von Leben
zu Tod, von Tod zu Leben, ein unaufhörlich sich drehendes Rad. In ihm
werden alle die Menschen mitgeschleift, die am Irdischen haften. Nur der
vermag ihm zu entrinnen, der sich gänzlich vom Erdendasein abwendet, den
Willen zum Leben in sich verneint und damit den Zusammenhang, der zwi-
schen seiner Seele und dem Erdenleide besteht, zerreißt — er kann nur so die
Erlösung, das „Nirwana", finden.

(T^amit hängt zusammen: der Abendländer ist sozial, der Morgenländer nicht.
-<^Daher ist auch das soziale Elend im Orient, von China bis Armenien,
unbestrittenermaßen schlimmer als bei uns. Hinzu kommt die orientalische
Gesellschaftsordnung mit ihrem Kastengeiste, einem durch grausame Gesetze ein-
engenden Shstem, das nie frei Menschen zu Mensch kommen läßt. Wohl hat
Buddha von sich aus die Schranke der Kaste niedergerissen. Wohl predigt er
das Mitleid; aber wie herbstlich-kühl bleibt diese Menschenliebe gegenüber dem
Liebesbrand des heiligen Franz! Sie gibt hierin kaum etwas der kaltgeistigen
Vernunftethik Konfutses nach. Zuerst denkt sie an sich, nur an sich. Ia, sie
erachtet es als die Erlösung hindernden Frevel, sich selbst über den andern zu
vergessen. Im Grunde kann jeder nur sich selbst erlösen. dNag die Menschheit
sehen, wie sie fertig wird! Wohltun und Nächstenliebe als äußere Handlung
in der Welt der Erscheinung sind nur ein Verdienst, das den Weg zur eigenen
Erlösung fördert, und nur darum soll man sie ausüben.* Es ist klar: auf
solchem Boden kann reine Menschenliebe, die erste und echteste Förderin aller
Humanität, nicht gedeihen. Dieses unsoziale Verhalten macht den Orientaleu
auch in inner- und außerpolitischen Dingen unfähig. Wie wäre es sonst mög-
lich, daß ein so hochbegabtes Volk, wie das indische, mit seinem glänzenden
Wissen und seinem an Bodenschätzen überreichen Lande seit Iahrtausenden
unter fremder Herrschaft lebt? Wer an die Seelenwanderung im Sinne In-
diens glaubt, für den kann frcilich auch die Geschichte keinen Sinn haben.
Wer sich vom „Rade des Lebens" erlösen will, muß seine ganze Kraft in sich
sammeln, um den Zusammenhang seines Ichs mit der Außenwelt zu zer-
stören. Wie könnte er jemals geneigt sein, um an ein Wort Iakob Burckhardts
anzuknüpfen, der „plastischen Kraft im Menschen Ausdruck zu verleihen",
das heißt, Geschichte zu bilden. Lebensverneinung und Quietismus werdeu
stets in der Politik ein unvollkommcnes, ja minderwertiges Linderungsmittel
dcs Erdcnleids erblicken und sie darum vernachlässigen.

kss

/ILin Letztes noch, was mit an die tiefsten Tiefen rührt: Der Europäer ist der
^<Mensch des Maßes, der Orientale der Mensch der Maßlosigkeit. Für

* Wohl kann die metta, die Liebe im buddhistischen Sinn, darüber hinaus-
weisen, aber sie gehört dann „nicht dem Gebiete Lußerer Betätigung, sondern
dem des übersinnlichen Wirkens, dcr Meditation an", ist also erst recht in
diesem höheren Sinne unsozial. Vgl. das ausgezeichnete Werk von Herm.
Beckh, Buddhismus II., S. (Sammlung Göschen.)

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