Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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im Traume rrur wie silvern Taugetroxf erlauscht,
so aller welt entrückt unö Aeit,
datz er öen winö, öer in öen Aweigen wühlt
nnö ihrn öie sonnewarmen wixfel kühlr,
taum wie öen Atem eines Ainöes fühlt.

G selige versunkenheit!

Vom tzeute fürs Morgen

Das Fest des Erwachens
/Line Stunde der Nacht nach der
>^anderu gleitet langsam an dir, dem
'Schlafenden, vorüber; jede streicht gütig
und lind nber deinen Körper hin und
nimmt ihm von der Müdigkeit des
vergangenen Tages, bis die letzte, schon
im Morgen verdämmernde, den Rest
der Mattigkeit wegträgt und der junge
Tag dich neugeboren aufweckt. Wie
kann das Erwachen köstlich sein, wenn
du dich dehnst und die wohlige Wärme
neuer Kraft in deinen Gliedern fühlst!
Deine Augen trinken mit neuem Ge-
nusse das Licht, das durchs Fenster
flutet, dein Ohr ist wieder frisch ge--
stimmt und folgt entzückt dem Morgen--
gesang der Vögel. Lrquickend spürst
du in deinem Atem die Luft, die im
Dunkel der Nacht den Staub des
Gestern abgebadet hat. llnd dein Seist
— aber da nahen sich schon wieder die
Sorgen, die sich gestern mit dir schlafen
legten, das Tagewerk mit seinem „Pro-
gramm" drängt sich auf, und ehe du
deiner Seele auch nur ein Teilchen
dieser morgendlichen Weihe zuteil wer--
den lassen kannst, bist du wieder im
„Ganz Gemeinen", im „Ewig Gest-
rigen", im staubigen Alltagsgewerkel.

Solltest du nicht doch ein paar Mi-
nuten übrig haben? Der Tag, der mit
einem stillen, noch so kurzen Fest ein-
geleitet wurde, er kann doch kaum mehr
ein ganz gewöhnlicher werden. Freilich,
wir modernen Menschen haben den
Sinn für „Morgenandachten" verloren.
Das Wort erweckt in dir die Vorstel-
lung von vergilbten Gesangbüchern, aus
denen du dir kein neues Leben erhoffst.
Aber könntest du deinen Geist nicht doch
für eine Viertelstunde noch freihalten
vom bevorstehenden Tagesgetriebe und
ihn hinlenken auf das, was Lwigkeits-
wert hat? Etwa: du nimmst deinen
Goethe und liest irgendeines seiner Ge-
dichte. Während du aufstehst und dich

wäschst, läßt du dir langsam noch ein-
mal das Gelesene durch den Kopf gehen.
Wie das Wasser deinen Leib erfrischt,
so badet sich dein Geist in der reinen
Geistesflut. Und was du so in dich
eingesogen hast am frühen Morgen,
bleibt als ein Geschenk des jungen
Tages zurück. Nach und nach werden
dir des Dichters Worte eigenster Besitz
und dann „kannst du sie auswendig",
ohne sie gelernt zu haben. So wer-
den sie aus dem Nacherlebnis dein.
Das wäre nicht das Geringste, was
du solcher „Morgenandacht" verdankst.
Aus Kleinigkeiten kann reiche Freude
erblühen und seien es „nur" die we-
nigen Minuten des täglichen Er°
wachens. P. Th. y.

„Vom Ienseits der Seele"

er Drang nach den „Geheimwissen--
schaften", der ja auch im Kunstwart
seinen Vorkämpfer wie seinen Gegner
gefunden hat, ist noch immer im Wach-
sen und wird es weiter sein, solange
eine immer zunehmende Menge von
Menschen aus innerer Vedrängtheit
andre Erlösung sucht als Kirche und
Wissenschaft bieten. In den Streit um
diese Dinge greift neuerdings Prof.
M. Dessoir mit seinem Buch „V o m
Ienseits der Seele, Die Ge°
heimwissenschaften in kritischer Betrach-
tung" (Enke, Stuttgart) ein. Seit vie-
len Iahren mit dem Gegenstand leb-
haft beschäftigt, hielt er es für eine
Art Pflicht der Wissenschaft, auf die-
sem Gebiet eine „sozialhygienische Ar-
beit" zu verrichten, „sich beruhigend
und warnend zu betätigen". Was er
bietet, ist unzweifelhaft sehr bcachtens-
wert. Nach kurzer Einleitung behan-
delt er aussührlicher die Probleme des
Unterbewußtseins, des Traums und der
tzhpnose, des „seelischen Automatis-
mus", des seelischen Doppellebens, der
Fernwirkung und des Fcrnsehens^ des
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