Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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„Spiritismus". An diesen Kapiteln
fesselt zunächst die ausgebreitete Er-
fahrung des Verfassers. Zahlreiche
„Phänomene" hat er selbst an vielen
Orten der Welt beobachtet, einen Berg
von glaubwürdigen, kritischen Berich-
ten durchgearbeitet. Er schildert die
wirklichen und die angeblichen Tatsachen
ruhig und durchaus anschaulich. Anter
den viclen Erklärungversuchen gibt er
meist entweder dem auf Betrug oder
dem auf seltene, aber immerhin ver-
stehbare seelische Veranlagungen lau-
tenden den Vorzug. Nur in wenigen
Fallen gesteht er offen zu: dies ist
einstweilen unaufgeklärt, unerklärbar.
Kürzer (Pi S.) ist der Teik, der von
Kabbalistik und Lheosophischem han-
delt; hier ist weniger von Vorgängen
und Erfahrungen die Rede, als von
literarischen Erzeugnissen, und es macht
fich die Schwierigkeit sehr bemerk-
bar, Auszüge aus Lehren, Beispiele
von Verfahrcnsweisen zu bringen, die
ganz unbefangen anmuten und über-
dies charakteristisch und möglichst voll-
ständig sein müssen; auch in der Kritik
wirkt Dessoir hier gereizter, unruhiger.
Aber das Schlußkapitel holt manches
nach: in zwei Abhandlungen' über die
Geschichte und über die Denkmittel des
„magischen Idealismus" sucht Dessoir
die Geheimwissenschaft als eine auf ur-
alten, primitiven Denk- und Anschau-
ungformen beruhende Vorform der
idealistischen Philosophie, als ein Äbcr-
bleibsel aus „übcrwundenen" Zeiten
zu erweisen; eine beträchtliche Menge
von kultur- und philosophiegeschicht-
lichen Nachweisen und systematis5)en
Vergleichungen stützt diefen Versuch.

Erfüllt das Werk, das an sich —
siner „Lebensarbeit" Ergcbnis — ach-
tunggebietend genug ist, seinen ausge-
sprochenen Zweck? Wie mir scheint: nik)t
in vollkommenem Maße. Der Ideal»
thpus eines „sozialhhgienischen" Wer-
kes auf geistigenr Gcbiet hat doch wohl
etwa diese Merkmalc: Volkstümlich-
keit trotz „strengster" Wissens5)astlich-
keit, packende Kraft und Lebhastigkeit
der Schreibe, entgegcnkommendes Ein-
gehen auf die wahrscheinlichen Ein-
wände der Ungebildeten, stetes An-
knüpfen an ihren Erfahrungbcreich,
ihre typischen Fragestellungen. DIsoir
schreibt nicht vollstümlich; manche Teile

seines Buches wird nur der Psychologe
von Fach ganz verstehen, manche nur
der ziemlich eingehend geschichtlich Ge-
bildete. Daß er besonders lebendig und
fesselnd schriebe, wird niemand finden
— seine ruhige, schlichte Schreibart
mag man sehr hochschätzen, sonderlich
wettbewerbfähig ist sie im „sozialen"
Sinn nicht. Und gar auf die Denkart
ungebildeter Menschen geht er letzten
Endes überhaupt nicht ein. Sein Buch
kann also «igentlich nur mittelbar wir-
ken; es wird einige Gelehrte beschäf-
tigen und einigen vereinzelten und
eifrigen KLmpfern, die es studieren,
Waffen liefern — falls sie es verstehen.
Es teilt damit das Schicksal so man-
cher neuerer Bemühungen von wissen-
schaftlicher Seite.

In welchem Grade es die „bren-
nenden" Fragen klärt, ob es gar streit-
entscheidend ist, darüber werden die
Meinungen auseinandergehen. Sein
theoretisch-psychologischer Teil ist min-
destens eine gute, knappe, vorsichtige
Zusammenfassung gewisscr Züge des
bislang wissenschaftlich Erkennbarcn an
den dunkleren Teilen der Seele; von
den „Fällen" von Fcrusehen, Geister-
erscheinungen usw. werden durch die
ferneren Kapitel einige ehemals viel
beachtete zweifelfrei „erledigt", einige
auch so erläutert, daß die Erläuterung
für recht viele fernere Fälle gut ver-
wertbar erscheint. Kabbalisttk und Theo-
sophie behandelt Dessoir nach meinem
persönlichen Empfinden teils zu kurz,
teils nicht zwingend. Besonders der
Theosophie und Anthroposophie gegen-
über beruft er sich etwas zu rasH auf
den gesunden MensHenvcrstand. Schade,
daß er gerade in diesem Bezirk an-
scheinend sehr reizbar ist; wenn man
will: gerade hier hätte der geistige
Sozialhygieniker doppelt behutsam vor-
zugehen. Denn wenn sHon Anthrepo-
sophismus eine „Krankhcit" ist, meine
persönliHe Erfahrung * geht dahin, daß
sie jedenfalls sehr sympathisHe, ethisch
und menschlich angenehme MensHen
hervorbringtl Die gesHiHtlikyen Ka-

* Ich muß wohl hier bemerken, daß
ich weder selbst „Anthropo--" oder
»Theosoph" bin, noch irgend welchen
Vertretern dieser Richtung besonders
nahestehe.
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