Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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der Maler, in dem sicheren Gefühl für die Wirkung dieses Kunstmittels, den
Kreuzesstamm nachträglich noch verlängert, wie er berichtet.

Bezeichnenü für sein persönliches Verhältnis zu den heiligen Vorgängen ist
es übrigens, daß er in beiden Frauen Bildnisse seiner nächsten Amgehörigen
brachte, wie er denn sich und die Seinen stets den Hörern der Vergpredigt zu-
gesellt. Schon in seiner frühesten Kreuzigung, dem Dombild für seine Heimat-
stadt Reval, lieh er den heiligen Frauen die Züge seiner Mutter und ihrer
Schwester; und noch in einem seiner letzten Bilder, dem Abschied Iesu von
Maria, gab er ihr das Antlitz seiner Mutter. „Wenn ich den Menschen die
Empfindungen einer Mntter leibhaftig vor Augen stellen will, wie kann ich
es eindringlicher tun, als wenn ich Erinnerungen an die eigne Mutter wecke
und von ihr erzähle" — so lautete ein Wort des Meisters, das Board in
seiner schönen Einleitung zum Verzeichnis der großen Gebhardt-Ausstellung
zu Dresden im Iahre Wb wiedergibt.

Bci derselben Gelegenheit richtete der Künstler an den Schreiber dieser Zeilen
cinen Brief, iu dem er sich über die Ziele seines nun bald achtzigjährigen,
an Schöpfuugen und Ehren überreichen Lebens ausspricht. Er sagt: „Es ist,
glaub ich, der Abschluß meiner künstlerischen Tätigkeit da, und gerade jetzt ist
es mir erfreulich, zu zeigen, was ich gewollt, was ich erstrebt habe. Gelungen
ist mir allerdings nicht, was ich mir als Ziel vorgestellt hatte. Ich hatte mir
ja gedacht, ich könnte mir einen Kreis von Gleichgesinnten schaffen und so der
kirchlichen Kunst dazu verhelfen, daß eine gemeinsame protestantische Ausdrucks-
form sich bahnbricht, ähnlich wie es den Nazarenern für die katholische Kirche
gelungen ist. Das ist mir nicht geglückt. Ich bin fast allein geblieben."

Das ist ein fchmerzliches Geständnis. Allein es fragt sich, ob eine prote-
stantische Kunst in einer solchen Gemeinsamkeit der Ausdrucksform überhaupt
möglich ist. Die innerliche Freiheit des evaugelischen Glaubens scheint dem zu
widersprechen. Was wollen denn überhaupt „Bekenntnisse" auf dem Gebiete
der Kunst sagen, wo alles nur Sinnbild und Gleichnis eines an sich Unaus-
sprechlichen ist? Wir halten es vielmehr mit dem Worte Richard Wagners:
„daß da, wo die Religion künstlich wird, es der Kunst porbehalten sei, den
Kern der Religion zu retten. Denn sie löst die durch Aberlieferung geheiligten
Lehren und Bilder wieder in die fromme Empfindung auf, aus der sie cmpor-
gesproßt sind."

Das liegt nun freilich weit ab von den Wegen derjenigen, die in der Kunst
als solcher nur Augenreiz, Raum und Bewegungseindrücke sehen, aber die
ganze Welt mitschwingender Empfindungeu und Gedanken sowie alle Gegen-
standswirkungen aus ihrem Eigengebiet ausschließen wollen oder doch für ncben-
sächlich halten. Sie schalten damit Zugleich die schönsten und wertvollsten
Wirkungen der Kunst aus, die sie im Dienst eines höheren Lebens der Mcnsch-
heit zu üben vermag. Man darf nur an Matthäuspassion und Parsifal
denken.

Ahnlich Wege sucht auch die Kunst unseres baltischen Meisters aus einer
innereu Nötigung seines heimatgeborenen Schauens und Schaffens heraus.
Unsre Zeit wird ihm dies danken. Ist sie doch, wie kaum eine andre, vor ein
hartes Schicksal, vor Not und Tod gestellt. Sie kann ihr inneres Leben nur
retten durch felsenfestes Vertrauen, durch eiue allgewaltige Liebe, die stärker
ist als Not und Tod; sie braucht auf ihren Leidens- und Sorgenwegen auch
eine Kunst, eine durch und dnrch deutsche Kunst, die trösten und stärken hilft.
Die Kunst lebt eben doch nicht vom Schauen allein, sondern von einem jeglichen
Worte des Lebens, das an die Seelen der Menschen crgeht. Georg Treu
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