Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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durrg bezeichrret, das die Akademie gerade als rrrrrstergültig hinstellt. Immerhirr
hat der Standprrrrkt eine gewisse Verechtigung, und namentlich müssen die
Schöpfer neuer Wörter selbst den lebhaften Wunsch hegen, daß diese sich an
bereits vorhandene Bildungsweisen anschließen; je weniger innere Wider-
stände erne neue Bildung zu besiegen hat, desto leichter setzt sie sich durch.
Aber die Sprache kann diese inneren Widerstände selbst dann überwrnden,
wenn keine völlige Abereinstimmung mit bereits Vorhandenem besteht. Zum
Beispiel deshalb, weil sie bestrebt ist, sachlich Zusammengehöriges durch den
gleichen Wortstamm zu bezerchnen. Die Akademie will Archivalien bei-
behalten, solange Archiv bestehen bleibe; sie hat nicht bedacht, daß diese
Erwägung auch für Bücherei, den Ort der Bücher, gegen Bibliothek
spricht. In der Tat wissen wir bererts, daß die „unorganischen" Bildungen,
dis Bildungen nach „falscher Analogie", in der Sprache eine ganz gewaltige
Rolle spielen. Wenn die Akademie selbst das Wort Bildrrngsgeschichte
gebraucht, so ist das ein Spracherzeugnis, dessen Arahne nach den Anschau-
ungen der Akademie eine „barbarische Neuschöpfung" war im verwegensten
Sinne des Worts. Wenn wir etwa an „vorhandenes Getreide" denken, so
ist das ungefähr ebenso ungeheuerlich, als ob der Lateiner „kruniöntum prus-
munibuLnm" hätte sagen wollen. Schließlich entscheidet über den Wert einer
neuen Bildung nur die weitere Entwicklung, oder, wie Goethe sagt: der
Ausgang gibt den Taten ihre Titel.

Wer aber doch feststellen will, welches in einem bestimmten Fall die „gute",
die heute geltende Vildungsweise sei, der darf seine Regeln nicht auf Grund
von ein paar zusammengerafften Beispielen bilden. Die Akademie will das
Gebiet der Bildungssilbe — erei beleuchten durch die Beispiele Schlägerei,
Spielerei, Kinderei. Es ist nicht ganz wissenschaftlich, Kinderei
mit Schlägerei nnd Spielerei in einem Atem zu nennen; denn Kin-
derei stammt vom Hauptwort Kind, während wir Schlägerei und
Spielerei als Ableitungen von Zeitwörtern empfinden. Aber durchaus
unwissenschaftlich ist es, eine ganze Anzahl von anders gearteten Beispielen ein-
fach zu übersehen, Beispiele, die deshalb wichtig sind, weil sie wie Bücherei
dingliche Größen bezeichnen. Da ist die lange Reihe der Wörter, die den
Sitz gewisser'Gewerbe oder Berufe bezeichnen, wie Bäckerei, Drrrckerei,
Färberei, Glaserei, Gerberei, bahrisch Melberei, Töpferei,
Wäscherei — FLrberei, ILgerei, Küsterei, Meierei; da sind
Wörter, die dem Ergebnis einer Tätigkeit gelten, wie Malerei, Schnit-
zerei, Stickerei, oder solche, die Vereinigungen von Personen oder Sachen
bezeichnen: Reiterei, Länderei, Sämerei, schließlich Leckerei, die
Bezeichnung einer leckeren Speise, Näscherei, die Bezeichnung von etwas,
das genascht wird. Aber auch Reiterei ist nicht völlig gleichartig mit
Länderei und Sämerei, denn es geht aus von einer Personenbezeich-
nung, die beiden andern von Sachbezeichnungen. Mir haben hier also eine
Reihe von Bildungen, die in ihrer Vereinzelung dem Verdammungsurteil
der barbarischen Neuschöpfung hätten verfallen müssen.

Zum Schluß ihrer Darlegungeu beruft sich die Akademie auf Goethc,
Iakob Grimm, Bismarck, „die größten Meister uud Kenner deutscher Rcde".
Auch das scheint mir wissenschaftlich anfechtbar zu sein. Sollte es nicht noch
einen andern geben, der mit den drei genannten Männern in Wettbewerb
treten dürfte? Ich denke an denjenigen, von dem sie alle drei gelernt haben,
in dessen Bann wir alle stehn: Martin Luthcr. Den kann man freilich am
allerwenigsten als Eideshelfer gegen die Verdeutschungsbestrebungen verwenden.

So rnag man billig die Frage aufwerfen, ob das Gutachten der Akademie
rricht mehr einen Ausfluß persönlicher Stimmung, als das Ergebnis ein-
gehender wissenschaftlicher Prüfurrg und gründlicher Sachkenntnis darstellt.

Gießen. OttoBehaghel

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