Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

Seite: 17
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Der kommende Weltfriede

enry Barbusses Buch „Das Feuer" (übersetzt von L. v. Meyenburg,
^sHZürich, Rascher, (9(8) ist ein Stiminungsbild aus dem französischen Heer,
und zwar ein solches, das sich voller Offenheit und Wahrhaftigkeit be-
fleitzigt. Barbusse schildert die Schicksale der Korporalschaft, in der er steht,
während der Kämpfe im Winter (9(3/(6 bei Souchez, südlich von Lens, den
Iammer der Schützengräben, die Schrecken der Beschießung, das furchtbare
Ringen im Angriff, das Glück, aus der Front zurückgezogen zu sein. Sein
Vorbild ist Zola: die Wahrheit will er geben, indem er die verschiedenen
Arten der Soldaten je in einem Mann zusammenfaßt und somit den wech-
selnden Stimmungen zum Ausdruck verhilft. Es gelingt dem Buche zwar
nicht — das scheint mir die Schwäche des Ganzen als Kunstwerk zu sein —,
für die einzelnen Menschen Aufmerksamkeit und tieferes Verständnis zu schaf-
fen, aber es gibt doch ein packendes Gesamtbild französischen Wesens, wie
dies sich in den vom Kriege geschaffenen Verhältnissen äußert. Und somit ist
sein Buch eine „(lrkunde des Menschentums", wie Zola solche schaffen wollte.

Ich möchte nicht versuchen, hier den französischen Soldaten mit den deut-
schen zu verglcichen. Vom Schreibtische aus sind die deutschen Soldaten nicht
richtig zu schildern, namentlich nicht ihre Augenblicksstimmungen in den ein-
zelnen Abschnitten des Kriegslebens. Mich machte ein deutscher Feldgrauer
auf das Buch aufmerksam, der der Ansicht war, daß es im deutschen Heere
ähnlich aussehe wie nach Barbusse im französischen. Inwieweit das richtig
ist, weiß ich nicht. Hier kommt es mir nur darauf an, zusammenzufassen, wie
Barbusse die Lage seiner Kameradcn auffaßt und was er aus ihr folgert.
Er ist bemüht, den Lon der Rede der -Solüaten wiederzugeben. Wenn es
da sehr kräftige Ausdrücke, eine Flut von Schimpfwörtern gibt, so geht er
diesen in seinem Buche nicht aus dem Weg: Eher könnte man annehmen,
daß er sich ihrer freut; sind sie doch meist nicht böse gemeint. Der Abersetzer
hatte viel Mühe, die endlose Reihe der mehr oder minder witzigen Ausdrücke
ins Deutsche zu übertragen: Willig erkenne ich den größeren Reichtum des
Poilu über den der Feldgrauen in dieser Hinsicht an.

Lines fällt dem deutschen Leser auf: Es fehlt, wenigstens in der Äber-
setzung, die mir vorliegt, das Schimpfen auf die „Boches", wie es in den
Äußerungen der französischen Regierung und der Presse üblich ist. Nur ganz
vereinzelt kommen Angriffe vor, in denen angedeutet wird, daß das fran-
zösische Heer an Ritterlichkeit dem deutschen überlegen sei, ebenso wie nur
vereinzelt von Taten berichtet wird, die wir Deutschen als ritterlich nicht an°
sehen: so namentlich im Benehmen gegen sich Ergebende. Viel mehr ist im Schützen-
graben von den Drückebergern die Rede, von der Verteilung der Lebensmittel,
von dem Mißverstehen der Lage der Soldaten durch die Presse, von den
Kriegsgewinnern, die dem Krieg mit behaglicher Gleichgültigkeit hinter der
Front zuschauen, und von den Unannehmlichkeiten, die sich aus dem engen
Zusammenleben der Soldaten naturgemäß ergeben. Ls steckt hinter dem kräf-
tigen Ton Barbusses doch wohl mancherlei Dorsicht. Kaum berührt ist das
Verhältnis der Mannschaft zu den Offizieren, das (lrteil über die Gesamt-
leitung des Krieges. Der Soldat erscheint in dem Buche als ein Mann, der
keine Kenntnis von der Lage seines Heeres, von den Vorgängen außerhalb
seines Stückes Schützengraben hat, und der auch wenig den Wunsch äußert,
über all dies etwas zu erfahren. Der Krieg hat begonnen, der Soldat wurde
eingezogen, cr folgte dem Ruf der Pflicht und dient dieser ehrlich und hin-
gebend, trotz inneren Widerstrebens. Nicht Begeisterung, nicht Vaterlands-
liebe, nicht Ruhmessinn treiben ihn. All diese ihm von der Pariser Presse
zugebilligten Lobsprüche lehnt er ab. Er stürmt im Angriff tapfer durch
tausend Gefahren, um nach errungenem Sieg sich zu fragen: Warum dies
alles? Der ernsteste unter den Geschilderten kommt zu dem Ergebnis, das
Soldatenhandwerk zu verfluchen, das die Männer abwechselnd zu blöden
Opfern und zu verrnchten Mördern mache.
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