Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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Nach großen Ereignissen, einmal nach siegreicher Einnahme einer deut-
schen Stellnng, ein andermal nach erfolglosen Anstrengungen, einen Graben
nächtlich vorzuschieben, läßt Barbusse seine Kameraden üntereinander die Lage
besprechen. Es liegt ihm daran, starke Gegensätze zu schaffen: anf die un--
geheueren seelischen und körperlichen Leiden, auf die Erkenntnis der schmerz-
lichen Verluste folgt tiefe Ermattung; nicht das Gefühl stolzer Freude mn
Sieg, nicht die Empfindung, durch Heldentaten und Entbehrungen der Ent-
scheidung näher gekommen zu sein; sondern die drückende Last, daß im Grunde
genommen nichts erreicht sei und daß morgen das Leiden aufs neue be-
ginnen werde, das heute in so schrecklichen Stunden sich zusammenballte.
Nach kurzer Ruhepause schlagen wieder Granaten ein: „Genug, genug!" rufen
die Ermatteten. „Wann wird das Elend ein Ende haben?!"

Dazu spielt im Buche die französische Romantik eine starke Rolle, die im
endlosen Ausmalen des Schrecklichen schwelgt, jene Romantik, der Eugen
Sue seinen Erfolg verdankt, die bei Victor Hugo eine so große Rolle spielt
und trotz aller grundsätzlichen Verschiedenheit von diesem bei Zola ebenso
kräftig entwickelt ist. Das Buch will zeigen, daß der Krieg, wie er heute
ist, nichts Edles, nichts Großes gebiert, sondern nur das schleichende Elend,
die dauernd wirkende Vernichtung, die Abstumpfung.

Endlich — am Schluß des Buches — kommt es zu einem zusammenfassen-
den Gespräch, das wohl die Gesamtstimmung des Soldaten darstellen soll.
Das Elend ist aufs höchste gestiegen, Verzweifelnde sitzen in ihrer Ermattung
beisammen: Haß gegen den Krieg! Er muß der letzte sein, er muß der Welt
zeigen, daß alle Worte von der Schönheit, dem Ruhm des Kampfes Lügen
sind, die man verbieten solle. Keinen Krieg mehr! Die Völker dürfen sich
nicht mehr zu einem solchen hergeben: die Völker sind der Krieg, ohne sie
gäbe es nur Gezänke einiger Führer. Ietzt bedeuten die Völker, die doch
alles sein sollten, nichts; sie sollten sich verständigen. Heute, so philosophiert
Barbusse schließlich, macht ein goldgeschmückter Fürst den Krieg, um des
Ruhmes willen, hetzen die Nationalökonomen, Historiker, die Politiker und
Dichter die Völker gegeneinander, indem sie dann in kindisch-lächerlicher Weise
dem Gegner aus anderem Volke vorwerfen, es habe den Krieg angefangen.
Endlich müsse aber der Verstand siegen. Frankreich werde diesen Sieg herbei-
führen. Freilich, der alte Nuf ist für Barbusse ins Schwanken gekommen:
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! „Die Brüderlichkeit ist ein Traum, ein
verschwommenes Gefühl, ohne Bestand . . . Die Freiheit ist etwas Nela-
tives in einer Gesellschaft, in der die Gegenwart jedes Einzelnen das Dasein
des anderen beeinträchtigt." Aber „die Gleichheit der Nechte jedes Wesens
und die Glcichheit des heiligen Willens der Mehrheit sind unfehlbar und
müssen unbesiegbar sein — sie wird alle Fortschritte bringen, alle, mit einer
göttlichen Kraft!"

Eine tiefe Kriegsmüdigkeit spricht ans dem Buche, eine Müdigkeit, wie
sie also im Winter M5/s6 bereits herrschte, vor nun 2^/? Iahren! Und sie
äußert sich in Klagen, viel weniger gegen den Feind, als gegen die Herrschen-
den überhaupt, die HLupter der Republik, wie gegen die Fürsten, denen die
Schuld am Kriege zugewiesen wird. Die Ordnung aller Dinge sieht Barbusse
also im Siege der Mehrzahl über die Minderzahl, der allen blutigen Streit
vermeiden werde. Dieser Sieg, so hofft er, wird die Minderzahl zu frei-
williger Unterwcrfung — also zum Gegenteil der Gleichheit — zwingen, ihm
die Möglichkeit nehmen und den Versuch verbieten, die Mehrheit werden zu
wollen durch Kampf mit dem Gegner. Und die Mehrzahl wird dem, der nach
ihrer Ansicht über die Gleichheit, also das Mittelmaß, sich erhob, zwingen, auf
seine Vorteile zu verzichten, kampflos zu verzichten. Nnd zwar so nicht nur
in einem Dorfe, einer Stadt, einer Provinz, nein, auf der ganzen Erde.
Die Völker werden sich der Mehrheit nnterordnen, jener Mehrheit, die sich
in dem Massenbeschluß aller darstellt, des chinesischen Kuli ebenso wie des
gebildetsten Europäers. Denn cs ist ja das Wesen dcr Gleichheit, daß sie
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