Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

Seite: 49
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Briefmarken durch, so finden wir in den verschiedenen Ländern nnd Zeiten alle
hier erwähnten Möglichkeiten benntzt. Wir sinden bei diesen kleinsten Doku--
menten eine fast übcrraschenü trene Geschichte des öffentlichen Geschmacks seit
l8^0. Von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart zieht sich das Dilemma:
soll die ungestempelte Marke in der Hand oder die gestempelte auf dem Brief
für die Gestaltnng maßgebend sein, die Marke als Kunstwerkchen für sich oder
als praktisches Ieichen und dekorativer Fleck? Für beide Aufgaben finden sich
vorzügliche Lösungen von Anfang an. In der frühesten Zeit mehr als in
der späteren. Die Aufgabe ward zunächst in allen Kulturstaaten durchaus
als eine künstlerische erfaßt, wirkliche Künstler entwarfen und bildeten zeich--
nerisch durch, die edelsten Techniken, vor allem Stahl- und Kupferstich, wurden
zu den feinsten und saubersten Leistungen herangezogen, und anch die Wahl
der Farben zeugte von wählerischem Prüfen. Ie später, desto schlechter wird's.
Auch die Geschichte der Briefmarken der einzelnen Länder bestätigt den Ge°
schmacksniedergang bis auf das Iahrhundertende zu. Zeichnung, Technik,
Farben, alles wird ausdrucksärmer, flauer, mechanischer, bureaumäßiger, indu-
strieller. Erst in den neunziger Iahren setzt die neue Aufwärtsbewegung ein,
die in Frankreich (das ja auch mit den Münzen „führt"), aber auch anderswo
schon sehr Erfreuliches gezeitigt hat.

Wir Deutschen haben bei der Reichspost so ziemlich die jämmerlichsten
Briefmarkcn nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt. In allen LLn-
dern der gegcnwärtigen Entente hat man Iahre über Iahre unter hinweis
auf diese Witzblatt-Briefmarken-Germania sagen dürfen: seht, so zeigt sich
auf ihrer Visitenkarte die deutsche Kultur, danach beurteilt sie. Man hat sich
an den hierfür entscheidenden deutschen Stellen um alle Agitation und sonstige
Arbeit von Kunstwart, Dürerbund oder sonstwem zum Beschaffen besserer
Münzen und Marken gar nicht gekümmert, man bestellte bei Neubedarf in
dem bewußten „Laden nebenan" weiter. Währenü des Krieges übertraf man
sich selbst, indem man die Marken noch schanerlicher machte. Das gelang,
indem man von unübertrefflicher Häßlichkeit und unübertrefflicher Unzweck-
mäßigkeit eine höhere Einheit herstellte durch das neue Färbeln. Davon
haben wir noch vor kurzem gesprochen.

Nun möcht' ich die Stuttgarter Herren vor einem Irrtum warnen: das
Schwierigste ist nicht, gute Markenentwürfe zu beschaffen, sondern die
Zusage: daß man sie von Reichs wegen auch aus- und einführen will. Bei
dem Stuttgarter Preisgericht sind ebenso wie sie bei unserm waren, die besten
Sachverständigen Deutschlands, aber das gewährleistet keineswegs, daß der mir
unbekannte Geheime Oberbriefmarkenrat in Berlin nicht bei etwaigem Neu-
bedarf an Marken die gegenwärtige sogenannte Germania noch vielc Milliarden
mal weiter gähnen läßt. Nicht so sehr der bescheidene Entgelt, als vielmehr diese
Aussicht, die Aussicht auf das Niemalsausführen, das ist es, was die Künstler
zur Beteiligung unlustig nracht. Der „Dürerbund" seinerseits hat dem Reichs-
Postamt sogar schon dcn Vorschlag nnterbreitet: er wolle unterm Preisgericht
der besten deutschen Sachverständigen mit eigner Arbeit und mit eignen Kosten
einwandfreie Briefmarken verschaffen, wenn man nur zusichern wolle: wir
führen das Veste davon auch ein. Aber der „Laden nebenan" scheint unkünd-
baren Vertrag zu haben. A

Vom Aeute fürs Morgen

Weltenwanderer

er alte Maler Hans Thoma be°
ginnt sein Büchlein von der zwi-
schen Zeit und Ewigkeit unsicher flat-
ternden Seele mit den Worten: „Als
ber ewige Vater die Seelen auf die

Welt schickte, um den toten Staub
zu beleben, hat er jeder Kreatur wie
ein Wairderbüchlein, einen Reisepaß,
der ihre Herkunft bezeugt, als Heimat-
schein, die Sehnsucht ins Felleisen mit-
gegeben; eine Beglaubigung, daß sie
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