Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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ist, gelinde gesagt, eine groteske Äbertreibnng, Auch Bekker selbst, wie jeder
wissenschaftliche Arbeiter, dient „nur" dem Intellekt und treibt damit kein
niedriges Gewerbe. Ärrd die Werkzergliederung nnd -beschreibung ist zwar
ctwas anderes als die soziologische Betrachtnng, aber etwas ebenso Not-
wendiges, Lehrreiches und Bildendes, keineswegs etwas geringeres als
sie! So ist es auch nur Willkür, wenn Bekker meint, die „inneren" Ärsachen
seien das Ziel seiner Forschung — man könnte ebensogut sagen, er spreche nnr
von den „änßeren" Daseinsbedingungen der Sinfonie, ihre „innere" Wesenheit
aber lasse er außer Acht. Natnrlich wäre auch das Willkür, da es sich eben um
zwei gleichberechtigte Forschungziele handelt; aber Bekker legt den Argwohn
nahe, daß er mit „inneren" Ursachen auch wichtigere, bedeutsamere Ärsachen
meint. Aberhaupt bewegt sich Bekker oft in wertenden Wendungen, wo eine
„wertfreie" Schilderung des Tatbestandes sicherere Ergebnisse zeitigen könnte.
So sagt er: Die sinfonische Gattung sei bestimmt „zum instrumentalen Mittler
zwischen dem Musiker nnd einem großen Hörerkreise". Die Sinfonie sei also
Gegenstand weitreichenden Allgemeininteresses, ihre Aufführung „gleichbedeutend
mit einer Volksversammlung". Allerdings, erst Beethovens Sinfonie wende
sich an das „Volk", wLhrenü die seiner Vorgänger nnr bestimmte Kreise von
Liebhabern ansprächen. Bekker folgert: „Beethoven verändert die Gattungs-
bestimmung der Sinfonie. . .", er „komponiert eine neue Hörerschaft. Seine
Sinfonie erhebe den Hörer znm Mitglied einer großen Gemeinschaft. „Änd
in diesem Gemeinschaftserlebnis, nicht in dem sogenannten musikalischen Reiz
dieses oder jenes Themas liegt der Zauber und die Bedentung seiner Kunst."
„Erft diese gesellschaftbildende Fähigkeit des Kunstwerks bestimmt seine Ve-
deutung und seinen Wert." Anf Grund dieser Ansicht fragt Bekker endlich:
„Wie hat die nachfolgende Zeit das in Beethovens Sinfonie niedergelegte ge-
sellschaftbildende Vermögen Ler sinfonischen Gattnng verwaltet nnd vermehrt?"
Änd die Sinfonien der Nach-Beethovenschen Zeit bis zu Mahler erscheinen
nun ganz natürlich in Bekkers Darstellung als eigentlich etwas minderwertig,
da sie die von Beethoven gefnndene „Bestimmung" der Sinfonie nicht erfüllen.
Es liegt am Lage, daß solche Bewertnng einseitig und rein persönlich ist! Wer
z. B. meint, die „höchste" Kunst sei immer nur Geistbesitz Weniger, oder wer
meint, einc Weiterentwicklung sei nur möglich, falls die Künstler als Publikum
gewisse Ansschnitte aus der Gesellschaft von vornherein konzipierten, wird ganz
anders werten als Bekker. And Gustav Mahler wird solchen als ein Mann
erscheinen, der Anmögliches gewollt nnd mit „Recht" nicht erreicht hat, dem
die Gesamtnation infolgedessen auch nicht nachträglich den Ehrentitel eines
zweiten Beethoven wird verleihen können. „Gefährlicher" indes als solche
einseitige Bewertungen scheint nür in Bekkers Arbeit die eigentümlich „lnftige"
Konstruktion des Baus seiner Erkenntnis. Für eine künftige Musikgeschichte,
die wissenschaftlicher sein wird, als die bisherige, wird zweifellos sehr viel dar-
auf ankommen, daß sie den Zusammenhang zwischen Gesellschaftleben und Ton-
kunst viel tiefer als bisher würdigt. Aber sie wird dabei nicht nnr die Zu-
sammenhänge des Musikschaffens mit dem geistigen, dem Ideenleben der Men-
schen in Betracht ziehen müssen, sondern nicht minder auch seine Gebundenheit
an den Stand der technischen, der wirtschaftlichen, der sozialen, politischen und
geneonomischen Lntwicklung. Daranf deutet Bekker kaum hin, obwohl es von
höchster Wichtigkeit ist. And weiter wird sie, da sie nicht einfach Ideengeschichte
sein soll, zu zeigen haben: in welchcn eigentlich musikalischen Eigentümlich-
keiten die Werke einer Zeit denn nun solche Zusammenhänge aufweisen;
hierzu (wenn auch nicht hierzu allein!) bedarf es freilich der von Vekker so
geringschätzig behandelten Iergliederung der einzelnen Werke, an die er übrigens
selbst erinnert, wo er von Schnnrann, Mendelssohn und Brahms spricht. Ohne
solche Zergliederung, ohne solche „Veweisführung am Objekt" würde die sozio-
logische Betrachtung bald zerfließen in ein unwissenschaftliches, ja in ein leeres
Wortemachen. Mitentscheidend wird für die künstige soziologische Betrachtung,
die wirklich alle mit der Mnsik zusammenhängenden Erscheinungen begreisen will,
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