Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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<auch dies sein: ob es ihr gelingt, Ursache und Wirkung einander tatsachen-
entsprechend zuzuordnen. Bekker erweckt, obwohl er ihn fernzuhalten sucht, ge°
legentlich den Eindruck, als ob er die Ursache für das Dasein gewisser Werke
allzusehr in „äußeren" Dingen suche, anstatt in der rätselhaften Tatsache, daß
zu irgendeiner Zeit eben ein schöpferisches (üenie da war. Vielleicht sollten
wir jedoch aus soziologischen Betrachtungen die Begriffe Ursache und Wirkung
ganz vcrbannen nnd uns begnügen nrit der Feststellung von „Funktionen", wie
dies die Mathematiker nennen, das heißt von Verknüpftheiten zwischen Erschei-
nungen, deren Wesen gerade nicht das Hervorgehen der einen aus der andern
ist. Wie sich dies aber auch gestalten möge, es wird Bekkers Verdienst bleiben, uns
sntscheidend auf solche Fragen hingewiesen zu haben. Sollte er seine Absicht
ausführen, das Thema dieses neuen Vortrags einmal gründlicher zu behandeln,
so haben wir zweifellos eine Arbeit von hohem wissenschaftlichem Interesse zu
srwarten. Wolfgang Schumann

Vom Schweigen des Morgenlandes

könnte auch sagen: vom Schweigen im Licht, oder: vom Schweigen
R / in Gott... beides ist umschlossen vom Schweigen des Morgen-
^landes. Dieses herrliche, tiefe und klingende Schweigen, das seine
Kraft aus der Stille zieht, die von dem Wissen kommt, daß Gott und

die Schönheit aller Dinge eins sind.-

Einer hat einen Weg; er tragt ein schweres Bündel, und es ist heiß.
Die Straße ist steinig, der Staub brennt die Augen, die Sonne glüht,
kein Schatten ringsum. Er läßt sich am staubigen Straßenrand nieder.
Seine Kehle ist ausgedörrt; ihn dürstet sehr; er hat noch eine Stunde
auf dieser mitleidlosen Straße zu wandern, und die Sohlen seiner Füße
sind zerschunden vom heißen Sande; sein Rücken schmerzt von der Last
seines Bündels. Aber er sitzt dort mit der Ruhe des Genügens, am
Straßenrande und saugt seine Seele voll von dem Licht, das ihm Schön-
heit ist. Da naht von weitem ein Mensch, der gleichfalls eine Last trägt;
anfangs achtet der Ruhende seiner nicht, da er sich in die Ferne versenkt
hat; nun aber bemerkt er, daß der andre ein Wasserträger sein muß,
denn er trägt einen Ziegenschlauch. Es wird ihm bewußt, daß er bald
seinen Durst wird löschen können, und bei diesem Gedanken brennt seine
ausgedörrte Kehle schärfer. Er erhebt sich schließlich, um dem Wasser-
träger entgegen zu gehn, da er die Langsamkeit seines Schreitens nicht
mehr ertragen kann. „Sei gegrüßt, Bruder," sagt er, „hast du einen
Trunk für mich? Ich dürste sehr." — „Gelobt sei Gott, Bruder," er-

widert der andere, „es blieb mir noch ein geringes Tröpfchen, doch ge°

nug, um deinen ersten Durst zu stillen; habe acht!" Er kippt seinen
Schlauch über die Schulter nach vorne und läßt mit marternder Lang-
samkeit in den Messingbecher, der ihm an langer Kette an der Hüfte
hängt, Tropfen um Tropfen des träge rieselnden Wassers sickern. Glühen-
den Blickes schaut der Durstige zu. Endlich ist so viel im Becher, daß

es die trockene Zunge laben könnte, der Wasserträger streckt die Hand

mit dem Becher aus. Da rast aus dem niedrigen GestrüPP hinter der
Straße hervor ein wilder Hund mit einem Fetzen Fleisch im Maule,
hinter ihm springen drei andere; sie stoßen die beiden ÄNänner, das
Wasser rinnt in den Staub. Der Durstige wendet sich still ab. Im
Gehn dreht er sich zurück und spricht: „Sei bedankt, Bruder; geh mit
Gott." Der andre erwidert: „Sei gegrüßt, Bruder; dir das Gleiche!"
,,Es war mir nicht beftimmt" — flüstert der Durstige vor sich hin, er
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