Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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sich zu bcnrächtigen, wenn auch nicht, ohne bcn antikcn Geist gehörig nach den
Bedürfnissen der uncrschütterlichen Heilswahrheiten zuzustutzen.

So sind überall, wenn auch noch ausgesprochener und solgenreicher in de»
protestantischen Ländern, die beiden alten Sprachen Grundlagen der höheren
Bildung geworden.

Auch in dieser Gestalt ist Rom als geistige Hauptstadt des Erdkreises, soweit
ihn die kaukasische Rasse bewohnt, lebendig geblieben. Freilich liegt die ortho--
doxe Kirchc und ihr Gebiet außerhalb ihres Bereiches. Erst durch deutsche, fran-
zösische, englische Einflüsse wird auch diese Welt der Kulturgüter teilhaftig, die
von Rom aus sich verbreitet hatten.

Ferner ist aber auch deutlich erkennbar, daß infolge der unermeßbaren Um-
wälzung, die das l9. Iahrhundert, und vollends das erste Sechstel des 20. iu
das europäische Leben hincingezwungen haben, eine neue Bildung von der Antike
nicht nur sich abgelöst hat, sondern auch immer höher und freier sich über sie
erheben will. Längst aufgehört haben die klassischen Sprachen, auch Üuellen der
Wissenschaft zu sein. Die Älaturwissenschafter zumal haben ihre eigenen Funda-
ments gebant und blicken mit Geringschätzung anf jene gepriesene Kultur des
Altertums. Die eigene Sprache scheint reich und stark genug, das Studium
der bcnachbarten, neueren Sprachen ist allerdings für den modernen Menschen
unerläßlich, um den Weltmann aus ihm zu gestalten; die Realschnle seht sich
als zeitgemäßes Gebilde dem „humanistischen" Ghmnasium entgegen. Wieder
scheint es um eine Entbindung und Befreiung sich zu handeln. Sie ist wirklich
im Gangc: die allgemeine Bildung ist weiter abgerückt von der klassischen
Bildung, man vergleiche nur dic heutige Dichtung mit der Dichtung Schillers
und Goethes. Gelehrte Erkenntnis hat sich weit auf den Srient ausgcdchnt,
und manchen Wißbegierigen scheinen Indien und China, mit ihren noch über-
lebenden Schätzen erhabener Denkgebilde, näher im Geiste, als der längst ver-
graute, ehemals so heitere Himmel der Götter Griechenlairds. Die Katastrophe
Europas, in der wir leben, bringt den Gedanken nahe, sich um Sprache und
Schrifttum der Magyaren, der Türken, dcr Bulgaren, der Polen zu kümmern,
von Rußland, vom Tschechentum und anderen Nachbarn zu schweigen. Auch in
Großbritannien wird die hergebrachte, noch in vornehmer Haltung blühende,
klassische Bildung einen harten Stoß erhalten. Denn die berüchtigte llnwissen-
heit englischer Staatsmänner in Bezug auf die Gesittung des Kontinents rührt
hauptsächlich von jenem hergebrachten Stile des höheren Anterrichts her, der
es ein Hauptziel des ehrgeizigen Studierenden sein läßt, tadellose lateinische
Hexameter zu bauen, und wenn es hoch kommt, sogar einen Dialog nach Art
des göttlichen Plato zu verfassen. Für manchen jungen Gentleman ist damit
die geistige Ausbildung vollendct; er ist dann wohl beflissen, sich auf Reisen
— zunächst durch die Grand Tour — zu unterrichten, aber dies geschieht zu-
meist auf die bekannte oberflächliche Weise, daß die sämtlichen „Sights" in
möglichst kurzer Zeit „abgemacht" werden — schon Goethe hat einen solchen
jungen Engländer, wie er ihm in Rom entgegentrat, geschildcrt.

Die gegenwärtige Zeit stellt unermeßlich weite und hohe Forderungen an
jung und alt, was die geistige Bewältigung ihres Stoffes betrifft, und sie wird,
ungeachtet aller Widerstände des ästhetischen, ja auch des ethischen Vewußtseins,
die Beschäftigung mit dem „Alten" mehr und mehr in den Hintergrund drängen.
Indessen, es ist kein Grund, ernstlich zu befürchten, daß diese in absehbarer Frist
untergehen werde. Das Gepräge, das die griechisch-römischc Kultur der mo-
dernen Kultur verliehen hat, läßt sich nicht auslöschen. Die großen Muster
edelster Kunst sind uns in jener erhalten und bleiben ihrer gewaltigcn Wirkung
sicher. Die Ausdrucksweisen der Wissenschaften sind durchtränkt mit alten und
neuen Wörtern griechischen und römischcn Ursprunges. Die römisch-katholischc
Kirche ist noch immer ein wichtiges soziales Gebilde, das über den Erdball
hin ausgebreitet ist, und das überall sich regeude Bedürfnis einer internatio-
nalen Hilfssprache wird am ehesten und leichtesten durch die noch immer in
einem Restbestande vorhandene Gelehrtensprache — man denke an die Medizin,

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