Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 5.1888

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Oberhalb der schon erwähnten acht Säulen ruhen die groß-
artigen Gestalten der vier Evangelisten, welche gleichsam das
„Himmelreich", das die Malerei verstellen soll, ans ihren
Schultern tragen. Neben denselben befinden sich bei Matthäus
ber beflügelte Mensch, bei Markus der Löwe, bei Lukas der
Stier, bei Johannes der Adler. Beim ersten Anblick wird
Man verwirrt über die ungeheure Menge der Gestalten, welche
sich ans demselben befinden — es sollen 365 sein ohne die
Masse der Engel, die sich dort vorsinden —, sobald man aber
sich einigermaßen erholt hat, so findet man, daß das Ganze
lein huick pro <guo ist, sondern ein wirklich systematisch groß-
artig angelegtes Bild vor unserm Auge sich erhebt. Wir
Möchten das ganze Gemälde als eine kleine biblische Geschichte
des alten und neuen Testamentes bezeichnen, an welche sich
anreiht eine Legende der Heiligen. Als Mittelpunkt gewahren
Mir die allerheiligste Dreifaltigkeit. Eine allegorische Figur
fielst den Schleier weg über dieselbe znm Beweise, daß sür
die im Himmel der „Glaube in das Schauen" übergegangen
ist. Alle blicken in Seligkeit zu dem dreieinigen Gott, dem
sie im Leben geglaubt, ans den sie gehofft, den sie geliebt und
dessen Besitz sie sich ewig erfreuen dürfen. Nur einige der
hehren Gestalten heben wir hier hervor: dem Throne zunächst
Maria, vor uns die Heldengestalten, die Niesengestalten des
heiligen Benedikt grau gekleidet, nebst diesem der hl. Ulrich
in gelbem Gewände. Den Stab des hl. Benedikt trägt ein
Sngel, von unten ans geschaut, ganz in der Luft schwebend.
Rechts unten gewahren wir den Sturz der bösen Geister in
die Hölle. Michael mit dem Schwerte wirft sie hinaus ans
dem Himmel, und Blitze verfolgen sie und beleuchten ihren
^Leg znm ewigen Verderben. Wir haben soeben gesagt, alle
Gesichter blicken zur heiligsten Dreifaltigkeit hinaus. Nur Ein
Kopf nicht, ein weißer Kopf — sonst ist nichts von der
Person zu schauen —, und dieser Kopf befindet sich neben
St. Benedikt und dem Abt Maurus und der Kopf gehört
Uiemand anderem als dem Maler Martin Knoller. Vielleicht
hat er uns damit sein Antlitz abgewandt, da er ja noch nicht
Zu den Heiligen des Himmels gehörte; vielleicht hat er bloß
seinen Kopf hingemalt, da er dachte, Abt Benedikt und sein
EnstoS Maurus werden nicht gelten lassen, daß er sich ganz
Und gar als Heiligen darstelle, kurz, er schaut nach St. Afra,
einer Prachtgestalt. Darf ich dir ein Geheimnis über dieses
Mld verraten, lieber Leser? Nimm's mir nicht übel! Diese
St. Afra soll das getreue Bild der Tochter des ehemaligen
Storchenwirts in Neresheim sein. Wenn es auch so, so
dürfen wir unserm Meister Knoller darüber nicht zürnen, daß
er sie als Bild genommen. Wir wissen das gleiche vom gott-
begnadigten Künstler Raphael, daß er schöne Kinder als Bilder
sür seine Engelsköpfe wählte und die Bilder züchtiger schöner
römischen Matronen verwandte auf seinen unsterblichen Ge-
mälden. (Fortsetzung folgt.)
Die ehemaligen neun Raglaneien in Leutkirch.
Pou ihrem Ursprünge an bis zur Jetztzeit oder
bis zu deren Aufhebung und Einziehung.
Mitgeteilt von And. Noth, senior.
(A-ortsetznilg.)
3. Die St. Kilians- oder Frühmeß-Kaplanei in
Leutkirch, gestiftet 1355 —1396.
Durch den kirchlichen und religiösen Sinn der Parochianen
Zainen verschiedene Stiftungen und milde Gaben zusammen,
Welche bei dem Bürgermeister und Rate der Stadt Leutkirch
hinterlegt wurden, damit derselbe eine Frühmeß-Pfrüude ans

den St. Kiliansaltar stiften und errichten konnte. Schon im
Jahre 1355 finden wir in einer Urkunde, daß für den St.
KilianSkaplan znm Lesen einer heiligen Messe ein Schilling-
pfennig gestiftet wurde. Allem eine eigentliche Stiftungöur-
knnde mit gehöriger Dotation war vom Bürgermeister und
Rat erst 1396 an den Bischof in Konstanz und den Abt in
Stams als Patronatöherrn der St. Martinskirche ausgestellt
uud zur Bestätigung an dieselben eingesendet worden. Die
Urkunde lautet im wesentlichsten also: „Der ans diese Kaplanei
angestellte Priester soll die Verpflichtung haben, mit Ausnahme
des Montags und Samstags am St. Kiliansaltar täglich
eine hl. Messe zu lesen. Der Magistrat behält sich das Vor-
schlagsrecht an den Abt in Stams vor; es soll demselben
jedoch frei stehen, den Vorgeschlagenen anznnehmen oder zu-
rückznweisen. Im ersteren Falle solle der Abt den Vorge-
schlagenen dem Bischose in Konstanz präsentieren und empfehlen.
Als Dotation zu dieser Kaplaneistelle sind eine Menge Gülten,
Zinsen uud Renten angewiesen. Darunter auch verschiedene
Zehnten aus Höfen von Urlan, Haselbnrg, Almiöhofen, Her-
latzhofen und Leutkirch. Was den letzteren anbetrifft, so er-
hielt diese Kaplaneistelle nach den Verträgen von 1421 und
1422, welche damals von den sämtlichen Decimatoren abge-
schlossen wurden, 4 Malter Korn.
Wegen des Haselbnrger Zehntens entstanden zwischen
dem Pfarrer Stotz in Urlau und dem St. KilianSkaplan
Pressel in Leutkirch Streitigkeiten, welche jedoch durch die
beiden Bürgermeister Melchior Freiherr und Peter Wächter,
den Stadtamann Fenrfeil und Joachim von Laudenberg, letz-
terer als Patronatsherr der Pfarrstelle in Urlau, 1550 wieder
gütlich ausgeglichen wurden. Bei der Neligionsverändernng
in Leutkirch hatte man dem St. Kilianökaplau keine Wohnung
mehr eingeränmt. Georg Natterer und seine Ehefrau stifteten
und schenkten ein eigenes Hans aus dem Berge an der Stadt-
mauer für diese Kaplaneistelle; hiefür war der angestellte
Kaplan verpflichtet, für die Stifter und ihre Familien einen
jährlichen und ewigen Jahrtag abznhalten.
Während des 30jährigen Krieges und zur Zeit der Pest-
krankheit in den Jahren 1628 und 1629 und hauptsächlich
aber 1635, wo von der Einwohnerschaft in Leutkirch bis zu zwei
Drittel und in den Landorten kaum noch etliche Personen am
Leben blieben, einzelne Orte wie z. B. Lnttolobcrg ganz ans-
gestorben waren, waren auch die Einnahmsgnellen zu dieser
und auch den andern Kaplaneistellen bereits ganz versiegt und
letztere vakant dagestandcn. Stadtpfarrer Mancher mußte die St.
Kilians- und auch andere Kaplaneistellen allein versehen. Um
diese Kaplaneistelle besser dotieren zu können, wurde, wie be-
reits bei der vorigen Kaplanei erwähnt, die St. Leonhards-
kaplauei eingezogen und deren Einkünfte zur Hälfte dieser und
zur andern Hälfte der Kaplanei ack benimm lUnrinm Vir§i-
nem ek Nnkrem ckolorosnm zngewiesen.
Der letzte Kaplan dieser Stelle war Faustin Mauritius
Göser 1803. Dieser Kaplan wurde 1808 unter gewissen Be-
schränkungen zugleich als Pfarrer der nenerrichteten Pfarrei
in Willerazhosen angestellt. Die württembergische Negierung
hob diese Beschränkungen 18l3 ans. Die Pfarrei Leutkirch
verlor hiedurch nicht nur diese Kaplanei, welche vor 450
Jahren von Bürgern und Parochianen der St. Martinskirche
sür Leutkirch und nicht für Willerazhosen gestiftet wurde, son-
dern auch noch mehrere Filialieu.
4. Die St. Leonhards-Kaplanei in Leutkirch,
gestiftet 1 41 8 — 1435.
Da diese Kaplaneistelle mit den zwei vorhergehenden so
enge verbunden war und zu deren Gunsten aufgehoben und
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