Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 5.1888

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Juden, der halb auf dem Boden liegt, den linken Fuß über
die Treppen des Tempels herabhängend. Jeder ergreift seine
Ware; hier sind Schäslein, die ganz verdnzt und verscheucht
die Köpfe hängen, als schämten sie sich, vom Heiland hinans-
getrieben werden zu müssen. Links ist eine Eierhändlerin mit
ihrem Kinde, ein Jude hat ihr den Stuhl umgestoßen, denn
er eilt, durch den nächsten Ausgang zu entkommen, die Eier
fallen ans dem Korbe heraus, und einige sind zerbrochen und
laufen aus. Wer aber ist denn der, welcher oberhalb der
Orgelpfeifen mit dem Zwicker auf der Nase dasteht und nicht
den Heiland betrachtet, sondern hinüberschielt ans die Jnden-
weiber? Wenn du dich erinnerst, freundlicher Leser, so ist
oben bemerkt worden, daß Knoller seinen Kustos Pater Maurus
originell strafte für seine, in Knollers Augen allzu gewissenhafte
Aufsicht. Dieser Mann nun mit dem Zwicker ist kein anderer
als Pater Maurus. Endlich bemerken wir, daß der Heiland
in allen fünf Kuppeln ganz direkt in der Mitte steht.
Wir befanden uns soeben oberhalb der Orgel und wollen
nun kurz die „Königin der Instrumente" selbst ins Auge fassen!
Sie ist das Werk eines gewissen Holzhay von Ottobenren,
kam 1796 in die Kirche und ist ein Meisterwerk. Sie hat
drei Manuale, 50 bezw. mit den Zügen 55 Register und rund
3500 Pfeifen. Die alte Disposition von 1796 ist heute noch
vorhanden, ausgenommen ein paar neue Zungen, welche nicht
zu loben sind. Das Werk ist ausgezeichnet und erzielt selbst-
verständlich den größten Effekt dadurch, daß die Akustik der
Kirche desgleichen ausgezeichnet ist. Die Orgel ist wunder-
schön in vier Pfeilern eingebaut, die schöne Fassung stimmt
in allweg zum ganzen Gebäude und sucht sie diesbezüglich
ganz entschieden ihresgleichen. Es wäre nicht recht, an diesem
Orte zu vergessen des langjährigen Cicerone, des langjährigen
Beherrschers der Orgel, des Hrn. Lehrers Gutknecht, jetzt Pen-
sionär in Ulm. Ihn sowohl als seine ganze Familie hat
Frau Mnsika begabt, wie nicht leicht eine Familie zugleich in
allen Gliedern. Mehrere Söhne sind Lehrer, eine Tochter
Musiklehrerin in Frankreich, die andern nicht minder musika-
lisch noch zu Hanse. Hat er ja mit den Seinen schon eigene
Konzerte gegeben. Seine Tochter Pia spielte dem Einsender
seiner Zeit als elfjähriges Mädchen ans der großen Orgel ein
Lnlve wnnderlieblich vor. Was ist doch ein so ein-
faches schönes Kirchenlied, einfach begleitet ans dem Klavier
oder der Orgel gegenüber der Wut unserer Zeit, alles zu
vergaloppieren, zu veropern u. s. w. Ganz entschieden hat
die Klavierwnt in unfern Tagen eine unbegreifliche Höhe er-
reicht. Wenn ein Pensionsfräulein nach ein paar Jahren
Geklimper und Niesenanstrengnng ihrer Hand- und Finger-
muskelkrast nicht ans der Pension zurückkehrt als Elsa oder
Elisabeth, so gilt sie sicher nicht als salonfähig. So nimmt
auch hier das Schöne, das Gefühlvolle, das Einfache immer
mehr ab, und das Bizarre und Abgeschmackte mehr zu. Und
doch läge auch hier das Gute so sehr nahe! Ob wohl Luther
über so manche Musik unserer Tage auch das gleiche Urteil
fällen würde, das er seiner Zeit gefällt hat in den Worten:
„die Menschen, welche von dieser Kunst nicht gerührt würden,
seien den Klötzen und Steinen gleich; auch hätte er empfunden,
daß der Teufel die Musik nicht leiden könne (wir glauben zur
heutigen läßt er sich mitunter gern als Tänzer einladen), da
er es oft an sich erfahren habe, daß bei ihrem Klange alle
Sorgen und Bekümmernisse ans der Brust nicht anders, wie
vor Gottes Wort entflohen waren."
Nach diesem kleinen Exkurs bemerken wir noch, daß
Gntknecht nicht bloß ein tüchtiger Organist, ein ausgezeichneter
Cicerone, sondern auch ein vortrefflicher Mesner war. Dies

zeigte er besonders dadurch, daß er sein Gotteshaus musterhaft
reinlich hielt. Nirgends werden wir an den Aschermittwoch,
an Staub erinnert, sondern alles ist blank. Möge er noch
lange das otium cum 6i§mtate genießen! Sein Herr Nach-
folger aber ist rühmlichst in die Fnßstapfen seines Vorgängers
eingetreten als ^unm Hüter des großen Heiligtums.
(Fortsetzung folgt.)

NklrnMckr ;nr Vorgeschichte der Säkularisation.
Mitgeteilt von Amtsrichter a. D. P. Beck.
(Schluß.)
III. Antwortschreiben von Ihrer Knrfürstl. Gnaden zu
Mainz an den Erzbischof und Fürstprimaö zu Salzburg in
der gleichen Sache Mainz 6. 6. 20. Febr. 1744.
k. ?. Ew. Liebden sind Wir höchst verbunden vor Dero schätz-
bares Vertrauen, mit welchem Deroselben gefallen wollen, Ihre» über
das leidige Gerücht eines vor Ertz- und Stiffter vorhabendcn, vor
GOtt und der ehrbaren Welt unverantwortlichsten, auch mit dem allge-
meinen wahren Hehl keineswegs vereinbarlichen Friedens-Opfser, Amt
und Pflichten gemäß hegende Besorgnis;, und in so weit gethane Für-
tritt in hochwerther Zuschrift vom 6. dieses zu eröffnen, anbch erleuchtet
zu bemercken, wie angelegentlich ans diejenigen Mittel zu gedencken,
welche hicrinncn behülfflich seyn könnten. Allerdings ist es an dem, daß
dieser Nnf entstanden, und es darmit bald wieder stille worden, bald
> herentgegen zngcnommen, ohne daß jemand davon Theil zu nehmen
bezeiget, weniger der Urheber sehn wollen. Beede eigens kriegende hohe
Theilc haben davon gäntzlich entfernet zu sehn, bis nun zu bethenert,
und setzen Ihre Kahserliche Majestät mit dem öffentlichen Zuspruch so
wenig ans, als der Königin von Ungarn und Böhmen Majestät dar-
gegen allen ersinnlichen Ernst an Tag zu legen. Wobeh es jedoch nicht
fehlet, sonderbar auch an Seiten relpecKive deren zngethancn Höfen und
^uxlliar-Machten, einander sich das hierbei) unvermeidlich-allgemeine
Aufsehen znznschreibcn.
Da nun unter diesem äußerlichen Handel wohl verborgen sehn
kan, dies; oder jenes Ort eine Vorbereitung zu erzielen, wie ans allen
Fall dergleichen vcrdammliche Absichten zu einem jetztmahligcn Schein-
Frieden, damit aber stifftendcr Reichs-Zerrüttung, dnrchgctrieben werden
könnten, wozu dann ein unzulänglicher Erfolg derer Waffen beh jetzigem
bedauerlichen Krieg, auch anderwertige bekannte Vergrössernngs-Begierde,
Hand biethen möchten; So haben Wir cs Unsers Orts an allem deine
bis daher» nicht erbrechen lassen, was nur schicklich sehn können, allem
wiedrigen entgegen zu arbeiten, ohne glcichwolsten voreiligen Lermen zu
erwecken, und eben dadurch Anlaß zu Wiederwartigkeitcn zu geben. Znm
Grund haben Wir daherv genommen, niemanden hierinnen was behzn-
messen, noch auch es eigends als eine Sache der Religion, sondern
vielmehr der allgemeinen Verfassung und folglichen Erhaltung der Wohl-
fahrt zu bcehfern.
Seiner Päbstl. Heiligkeit ist von Uns zeitlich wiederholte Vorstel-
lung geschehen, und von Derselben Uns die Versicherung Dero väter-
lichen Obsorge, besonders beh denen Kahserlichen und Königlichen Eatho-
lischen Höfen mit dein Bchfügen zngckommen, daß alle Verabscheuung
dererleh Vorschlägen sich unverrückt zeige, und gleichwohl mit dein Päbst-
lichen Zuspruch nicht ansgesetzct würde, mit solchem Ernst Seiner Heilig-
keit, das; Dieselbe so gar erklären lassen, eher Dero Leben anszugeben,
jehmals nachznlassen: Fürncmlichen haben Wir ferner durch Unser» nach
Landen eigens abgeschicktcn Gesandten so wohl beh dasigem Königlichen
Hof, als auch der Uepubligue derer Vereinigten Niederlanden die un-
wiederlegliche Vorstellung behbringen lassen, wie wenig dieserlch An-
schlag auch in purer Absicht des Zeitlichen mit dem ans unverletzter
Erhaltung des Neichs-Lxüemattis beruhenden allgemeinen Hehl bestehen
könnten, sondern dem ohnehin durch sonstige unglückliche Uacillcativa
vorhin so weit bereits gekommen, und durch die jetzige Umstände ans
seine Spitz gesetzten allgemeinen Verfall, gantz vhnmittelbar würcken
würden und missen. Wir glauben so fort verhvffen zu können, daß
von diesen beeden Mächten in dergleichen nicht werde hinein gegangen
werden.
Und da gantz klar vor Angen lieget, das; es hicrinncn keinesweges
um diese oder jene Ertz- und Stiffter dermalsten allein, noch in der
Nachfolge um alle dieselbe, sondern auch so fort um sämtliche minder-
mächtige Stände, ja hiernachst anverlanget, um die Conllckerulllen sechsten
zu thttil sehe, ja svthane Revolution allgemein, und davon das gewisseste
der Untergang des Vaterlandes und der allgemeinen Frehheit sehn
werde; So ist solches alles werckthätig zu bezeigen, und die nöthigc gute
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