Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 5.1888

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zu erwarten steht. Im Gebiete der kirchlichen Bildhauerei,
insbesondere des Altarbaues, ist die Ausstellung von Württem-
berg nicht beschickt worden. U. Neck.
Notizen dezw. Anfrage hinsichtlich zweier
N lini sch er Chroniken.
Von Amtsrichter a. D. P. Beck.
Der bekannte (1762 zu München geb., i. I. 1838 als
bayr. Konsistorial- und Schulrat st) Gelehrte Klemens Alois
Baader, Verfasser des „gelehrten Bayern" und des „Lexikons
verstorbener bayerischer Schriftsteller des 18. und 19. Jahr-
hunderts", der ältere Brnder des berühmten Philosophen
Franz Tav. Baader, besaß gegen das Ende des vorigen Jahr-
hunderts nach seinen eigenen, n. a. auch in seinen Neisebriefen
gemachten Angaben zwei geschriebene Chroniken der Stadt
Ulm. Das Manuskript der einen hatte 175 Bl. in kl. Fol.,
kein Titelblatt, keine Anzeige vom Verfasser, keinen Index und
keine Seitenzahlen. Der Anfang lautete: „Volgtt Hernach
die Ulmische Cronica, a. 1597." Dann wird die Lage von
der Stadt beschrieben und dabei gleich ans der 1. Seite die
Schriften von Fel. Fabri angeführt. Die Aufzeichnungen
beginnen mit dem Jahre 1348, gehen aber gleich ans die
ältere Geschichte der Stadt zurück und erzählen, wie Ulm an
Reichenau und wieder von demselben abkam, wie die Stadt
zerstört und wieder erbaut ward, wie die Wengenmönche von
Marbach nach Ulm kamen und die Pfarrkirche zu U. L. Frau
gebaut wurde, weiter von Erbauung der Stadt, Krieg und
Belagerung nach der ersten Zerstörung vom Kaiser Lothar u. s. w.
Unter der Aufschrift: „Allste will Ich auzaigen, was man
für Kürchen in der Statt Ulm hatt abgebrochen" werden die
in den Jahren 1531—38 abgetragenen Kirchengebäude auf-
geführt. Ueber den Schmalkaldischeu Krieg folgt auf vielen
Seiten ein ordentliches Verzeichnis aller Vorfälle vom 25. Juli
1546 an; dann wird der Schwörbrief des alten Regiments
reproduziert, das neue im Jahre 1548 eingesetzte Natspersonal
aufgezählt, der Rezeß der gefangenen Prädikanten und die
weitere Fortsetzung von den Ereignissen des genannten Krieges
angeschlosseu. Bei Beschreibung der Kriegsvölker werden die
Namen aller Anführer mit ihren Fähnlein Fußvolk, Pferden
und „reyssigem Zeug" angeführt. Dann kommt der den Ge-
schlechtern gegebene Begnadigungs- und Freyungsbries Caroli V.
a. 1552 an die Reihe. Nach der Erzählung verschiedener
Begebenheiten bis auf 1603 kommt der Chronist auf einmal
wieder auf das Jahr 1382 zurück und hebt von den Grafen
von Helfenstein zu berichten an; bei dem Auflauf zu Ulm
im Jahre 1513 hält er sich länger auf. Bei der Schilderung
der Einnahme von Donauwörth unterliefen einige sehr inter-
essante Pasquille in Neimen, in welchen besonders die Jesuiten
hart mitgenommen wnrden. Der Schluß von einem dieser
Spottgedichte lautet:
„die höll ist Innen lenngst berait,
in Ewigkeit, das ist der letzte beschaydt,
Amen, Amen, Amen!
Der Teufel Holle sie all zusammen!"
Ein noch viel heftigerer Ausfall auf die Jesuiten, der
sogar mit einem Gebete wider sie endet, stand auf dem
28. Blatt des Manuskriptes, und darunter stand Barchlome
Gundelfinger. Ob dies der Name des Annalisten, oder
bloß des Pasquilldichters war? Bei Beschreibung des Mün-
sterturms war zu lesen: „A. 1497 hatt mau zu Ulm den
Münsterturm unterfahren, durch Meyster Burkhart Engel-

berg Burger und Steinmetz zu Augsburg, der dieses schwere
Werk sammt 28 stattlichen Baumeystern unternahm." Der
Chronikschreiber setzte bei, daß der großmütige ehrsame Rat
zu Ulm diesem Steinmetz noch „Iber seine besoldung
400 fl. gescheuket, und Jme noch Iber das alles sein leben-
lang noch Jedes Jar 50 fl. guadeugeltt gegeben". — Aus
dem Ganzen war zu ersehen, daß das mühsam zusammen-
geschriebeue Werk im Jahre 1597 angesangen und im Jahre
1612 beendet wurde; es schließt sich schon eigentlich in der
Mitte des Manuskriptes; und das übrige scheinen Nach-
träge und Ergänzungen zu sein. Die letzten Jahre sind
die weitläufigsten, und enthalten ungemein interessante Sachen.
Das Jahr 1607 füllt allein 38 und das Jahr 1610 volle
54 kleingeschriebene Folioseiten au. — Nach Baaders Ansicht
hat mau es hier allem nach mit wertvollen Aufzeichnungen
zu thun, welche seines Wissens „noch niemand benützt hat,
und ohne Zweifel noch niemandem zu Gesicht gekommen
sind der etwas von oder über Ulm geschrieben (?)". Diese
von Baader besessene und beschriebene Chronik scheint nun,
wie Verfasser dieses auf Anfragen in Erfahrung gebracht,
keine andere als die auf der Ulmer Stadtbibliothek liegende,
aus dem Nachlaß des 1' Pfarrers Best in deren Besitz über-
gegangene, schon häufig benutzte „Gundelfingersche Chronik"
zu sein. Ob Best dieselbe direkt von Baader erhalten
oder nicht, wissen wir nicht. Dieselbe wurde von dem zu
Ulm am 28. Mai 1554 geb. Kaufmann Barthol. Guudel-
fiuger, einem Enkel des Kaufmanns Andreas Gundelfinger,
das erstemal im Jahre 1509 und dann wieder im Jahre
1612, wo er sein Alter aus 60 Jahre angiebt, hauptsäch-
lich nach der Chronik des Pflegers zu U. L. F. in Ulm
Daniel Mayer verfaßt, später wieder abgeschrieben und au
vielen Stellen verbessert und vermehrt, sowie bis zum Jahre
1630 sortgeführt. Die (sehr alte, auf einen im Jahre 1385
Bürger zu Ulm gewordenen Ritter Schweickart v. Guudel-
finger zurückgesührte) Gundelfingersche Familie verzog im
17. Jahrhundert von Ulm und ist vielleicht bei diesem Anlaß
auch die Chronik, von welcher es aber nach vorstehendem
mehrere Exemplare gegeben zu haben scheint, aus Ulm weg-
gekommeu. Das Exemplar der Stadtbibliolhek hat ebenfalls
kein Titelblatt, dagegen ist demselben ein Blatt mit folgender
Aufschrift vorgesetzt: VnnitUL vunitutum, et omniu vnnitas.
Dies; Buch hat mir Schwager Barthlome Gundelfinger ver-
ehrt den 18. April Anno 24. Hanß Adam Noggeubrott,
Burger In Ulm den 12. Juni 1624. Von Best wurde nach-
träglich ein Inhaltsverzeichnis gefertigt und der Chronik bei-
gelegt. — Baader besaß außerdem ein zweites noch viel
älteres, wichtigeres und prächtigeres Mannskript, das eine
Beschreibung und Chronik von Ulm mit sehr schön gemalten
Wappen enthielt, welches ihm aber ein Liebhaber nach Italien
entführte. — Wohin ist nun diese zweitgenannte Chronik ge-
kommen?! Dies zu ermitteln zu versuchen ist außer der
Mitteilung im allgemeinen von solch' verschollenen Schätzen
der Zweck dieser Veröffentlichung. Es wäre überhaupt sehr
angezeigt, einmal eine Zusammenstellung aller soweit bekannter,
bezw. noch zu eruierender, im Ulmer Archiv, Stadtbibliothek,
in der Sammlung des Altertumsvereinö und im Museum ?c.
liegender, sowie der im Privatbesitz und auswärts befindlichen
Ulmer Chroniken mit kurzer Angabe des wesentlichen
Inhalts — ob illustriert oder nicht — und der Zeit, welche
sie umfassen, welcher sie entstammen, sowie des Verfassers
zu erhalten.

Stuttgart, Buchdruckerci der Aktiengesellschaft „Deutsches Volksblatt".
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