Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 12.1894

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Sturme auf de» vom Teilfel verteidigten Turm der Lüge, in
welchem die Wahrheit gefangen gehalten wird, trägt der
Flügelmann der zweiten Sturmkolonne am Helme zwei
Sägenklingen, auf dem Schafte seines Banners steht:
cteceru rerum principia incomplexa, auf dem Banner selbst
liest man: per se prineipialiter, primo propter se srib-
Liskens. Wenn also bei Raimund Lnllns die Sägen auf die
logischen fortgesetzten Schlußfolgerungen mittels der festgesetzten
Grundsätze (principia) gedeutet werden, so darf man annehmen,
daß auch den Beilen am Helme des Walter von Klingen eine
ähnliche Bedeutung unterliege.
Für die katholische Kirche, wie für die sittliche Erziehung
des deutschen Volkes, war cs, wie man glauben sollte, weder
ein Nachteil noch ein Unglück, daß die deutschen (alamanni-
schen) Dichter und Reimschmiede sich als Stoff für ihre
Reimereien und poetischen Leistungen ebenso der Heiligen-Le-
genden wie der Tngendhelden im Kampfe mit dem Teufel
bemächtigten. Die Sammler der Heiligen Leben, wie des
N. N. von Lissabon, später Papst Johann XXI. (1276—77)
und des Erzbischofs von Genna, Jakob de Voragine, gestorben
1298, Verfassers der uureu (goldene Legende), hatten
ohne Zweifel eine löbliche Absicht und wirkten auch im großen
Ganzen günstig auf das sittliche Leben des Volkes, auf die
bildenden Künste und die Poesie. Nachdem jene Legenden in
die Volkssprache übersetzt worden waren, wurden sie wahre
Volksbücher. Daß sich aber durch die im Geschmacke des
13. Jahrhunderts angefertigten poetischen Bearbeitungen der
Heiligen-Legenden und der Nitterabentener mit der Zeit, be-
sonders im 15. und 16. Jahrhundert, allerlei Uebelstände und
Mißbräuche zum Nachteil der Kirche eingeschlichen haben,
kann nicht in Abrede gestellt werde».
Ebenso wenig kann man verkennen, daß in den Ritter-
romanen und in dem Kampfe der Helden mit Riesen und
Unholden in kurzer Zeit den Heiligen-Legenden ein profanes
Pendant oder eine Analogie an die Seite oder gegenüber ge-
stellt wurde, welche nicht mehr sittlichend und pädagogisch auf
das Individuum einwirkte oder einwirken konnte. Insbeson-
dere war das der Fall, als man die Allegorien und Symbole
nicht mehr verstand oder im ethischen Sinne verstehen wollte.
Die allegorischen Bilder und Parabeln gingen in reine Ammen-
märchen über, wie die Karikatur, Travestie und Persiflage des
Neinecke Fuchs in flache Kinderfabeln. Eine Folge dieser
Umgestaltung war es auch, daß man den Sinn und die Be-
deutung der Familien- und persönlichen Wappen nicht mehr
verstand. Daher artete die Heraldik im 15. Jahrhundert in
eine fade Spielerei und geistlose Pedanterie aus.
Die christliche Legende hat in poetischer Hinsicht vor dem
psychologischen und tendenziösen Epos der Deutschen unver-
kennbar mancherlei Vorzüge. Es finden sich schon bei Vor-
agine Spuren von dramatischer Behandlung des Stoffes,
welche man nicht mit Unrecht eine Entartung der Mysterien-
spiele genannt hat. Dazu kommt noch der frivole Ton der
Minnesinger-Epigonen und das Streben, die Allegorien und
symbolische Erzählungen einer Heldenlanfbahn in Parodien
auf kirchliche Feste und Glaubenswahrheiten nmzugestalten.
Das waren Schattenseiten, welche man bei der alten Legende
nicht findet. Die letztere bahnte dem Drama und der dra-
matischen Auffassung in den bildenden Künsten den Weg.
Davon will ich gar nichts sagen, daß die großen epischen
Dichtungen der Deutschen langweilig sind und nicht von weitem
mit der Jliade oder Odyssee bezüglich der Komposition ver-
glichen werden könne».

Nicht nur für die Geschichte der deutschen Liiteratnr,
sondern für die Knltnrentwicklung der ganzen Christenheit sind
die Uebergangsstadien oder Stufen vom psychologischen-tenden-
ziösen oder allegorischen Epos und der c^uam epischen Dich-
tungen der Deutschen des 12. und 13. Jahrhunderts zur
Lyrik und dann zur Prosa der theologischen Philosophie und
der christlichen Mystik des 14. Jahrhunderts (Heinrich Suso,
Johann Tauler, Rnlmann Meerswin, des Dominikaners Eckhart,
gestorben 1329, Markus von Lindau und Thomas a Kempis)
von hervorragender Bedeutung. Auf die schwäbischen und
alamannischen Mystiker folgten gegen Ende des 15. Jahr-
hunderts die sog. Humanisten und deren Poesie. Damit trat
allerdings Schwaben und der Oberrhein in der deutschen
Litteratnr, aber auch nur in der Literatur, nicht zugleich in
den bildenden Künsten, etwas zurück. In diesem Zeiträume
von 300 Jahren ist in der Volkssprache eine Anschauungs-
weise, eine Spekulation und schließlich eine Kritik der öffent-
lichen Zustände und der Lehrmethode der Theologie zum Aus-
drucke gelangt, wie man solche bei keinem anderen Volke bis
jetzt fand noch künftig finden wird. Daneben entwickelte sich im
Anfänge des 14. Jahrhunderts ein sog. populärer Pantheis-
mus, der in den folgenden Jahrhunderten eine große kultur-
historische Bedeutung erhielt. Derselbe darf als Vorläufer
oder Pflanzschule der ans streng wissenschaftlicher Forschung
beruhenden Philosophie betrachtet werde». Damit verschwand
allmählig die Ritter- und Nomanenpoesie bei den Deutschen,
denn sie hatte ihre Rolle als pädagogische und ethische Macht
ansgespielt. Das war die Zeit, in welcher der Manesse-Codep
znsammengestellt wurde. Die poetischen Talente in Schwaben
wendeten sich jetzt der Betrachtung von Gott zu und schrieben
in Prosa. Vorbereitet hatten diese wichtige Umgestaltung des
phantastischen und des verstandlvsen Fühlens und Empfindens
bei der europäischen Christenheit die zwei letzten Dezennien
des 13. Jahrhunderts. Man wandte sich zur moralisierenden
Spekulation über das Dasein Gottes, über die menschliche
Seele und zur wissenschaftlichen Kritik über das Leben im
Sinne der Nachfolge Christi, das geschah zur Zeit der Ne-
gierung Rudolfs von Habsburg und Königs Albrecht, als
Bonifazius VIII. (Benedikt Gaetani) (1294—1303), Raimund
Lnllns (1280—1315) und andere Denker wirkten. Tonan-
gebende Talente waren damals in Scb Waben und in der
Schweiz aufgetreten. Es fällt dies auch mit der Zeit zu-
sammen, in welcher die deutschen Volksstämme den gotischen
(französischen Baustil, opus Irunci^enum) kennen lernten,
nachahmten und schließlich zum Ausdrucke ihrer religiösen An-
schauung und Stimmung machten.
Die Religiosität, Sittlichkeit und Frömmigkeit der deutschen
Dichter war beim AuSgange des 13. Jahrhunderts aufrichtig
und ohne Heuchelei. Sie hatten »och ein Verständnis der
Heroldsfiguren und Emblemen in den Wappen. Aber mit
dem 15. Jahrhundert, insbesondere gegen Ende desselben, als
Grünenbergs Wappenbnch, die Turnierbücher und Friedrichs I.
von der Pfalz Lehensbnch in sehr manierierter Weise gemacht
wurden, hatte man die symbolische und ethische Bedeutung der
Wappen längst und gänzlich vergessen, denn man hatte keinen
Sinn und kein Verständnis inehr für das betrachtende Gebet,
für die Selbsterkenntnis und das innerliche religiöse Leben.
Man muß also bei der Erklärung aller Denkmale der symbo-
lischen Kunstform im 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts
auf die Mystik zurückgehen.
(Fortsetzung folgt.)

Stuttgart, Buchdruckerci der Aktiengesellschaft „Deutsches BolkSblatt".
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