Beck, Paul [Hrsg.]; Hofele, Engelbert [Hrsg.]; Diözese Rottenburg [Hrsg.]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 12.1894

Seite: 42
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treulosen Well Gott verliert »ud geistig zu Grunde gehe»
würde, wenn ihm nicht die Gnade Goltcü zu Hilfe käme.
Oreudcl wird vvu dem Bkeere, auf dem er Schiffbruch litt,
uackt au das Gestade geworfen, wo ihn die Tochter des Königs
vvu Jerusalem (Christus), d. h. die katholische Kirche, findet
und ihm eine Tunika zur Bekleidung giebt, welebe sich später als
der uugeuähte Nock Jesu Christi herausstellt. Dadurch erfüllten
sich die Worte deö hl. Paulus: der Mensch muß neugeboren
werden und daö Gewand d. h. die Form Christi selbst auzieheu!
ES ist interessant, zu untersuchen, woher und weshalb
die Dichter, die adeligen, wie die bürgerlichen, ihre fingierten
Wappen entlehnt haben. Insbesondere ziehen die von Kir-
chen, Pfarreien und Kirchenpatronc», oder von Pfarreisiegeln
stammenden Embleme die Aufmerksamkeit ans sich, weil hier
eine unverkennbare Einwirkung der herrschenden Mystik her-
vortrilt. Aber zu einem sicheren Resultate in dem einzelnen
Falle, weshalb der Dichter öl. N. gerade dieses und kein
anderes Wappen gewählt habe, kann mau nicht so schnell und
ohne eingehende Studien oder kaum gelangen. — Als wahr-
scheinlich mag inan annehmen, daß die älteren Dichter des
12. und Anfang und Mitte des 13. Jahrhunderts, welche alle
schon tot waren, als Heinrich v. Klingenberg Liederbücher zu
sammeln anfing, noch mit dem wahren Namen und auch mit
richtigem Wappen gegeben wurden, mit wenigen Ausnahme»,
wie Walther von der Vogelweide, Orendelhart Adebor n. A.
— Von den Dichtern aus der zweiten Hälfte des 13. Jahr-
hunderts und vom Anfänge des 14. haben die meisten anonym
oder pseudonym oder unter den Differenzierungsnamen und
unter fingiertem Wappen ihre GeisteSprodnkte in die Welt ge-
schickt. Dies geschah auch mitnnler in der Weise, daß der
Dichter sein richtiges Familienwappen führte, aber anstatt des
Familiennamens nur den DifferenziernngS- (Unterscheidnngs-)'
nennen gebrauchte, wie „Kanzler" für Heinrich v. Klingenberg
und wie „Herr Nünü". Nach dem Wappen hieß der Herr
„Nenne" Schüpfer in Zürich oder Freibnrg in Neberlingen.
Da aber derselbe Familiennamcnhnehreren zukam, so hat man
die amtliche Stellung des Dichters und G cd i ch t e s ammlers,
also seinen Titel anstatt des Familennamens gebraucht, wie
bei dem „Herr Siegelher". Es gab in diesen Städten:
Zürich, Neberlingen, Konstanz ein Neuner-Kolleginm oder
Ausschuß im Magistrate (novemviri) und dessen Mitglieder
hießen : „H e r r von den Nennen (öl ü n ü)". Dieser Dichterling
scheint eine Gedichte- oder Liedersammlnng angelegt zu haben und
der Kürze halber citierte Hadlanb den „Nünü" anstatt Lieder-
sammlnng des Neuner Mitgliedes öl. N. Schüpfer in Zürich.
Die Erklärung der Wappensignren, welche von Kirchen,
oder deren Himmelspatronen oder von Kirchenfesken entlehnt
sind, macht keine Schwierigkeit. Wenn der Burggraf von
Negensburg die zwei gekreuzten silbernen Schlüssel führt,
so ist kein Zweifel, daß die Petcrskirche in Negensburg dazu
die Veranlassung gab. Heinrich Frauenlob von Meißen führt
die Nelignienbüste irgend einer heiligen Frau oder Jungfrau
im Wappen, wie es die Kirchen von Kempten (hl. Hildegard)
und die von Benedikt-Beuren (hl. Anastasia) ebenfalls haben.
Da in Meißen die hl. Afra verehrt wurde, so ist zunächst
an diese zu denken. Die ro-m m>-skicn kommt so oft in de»
Wappen der Dichter vor, daß man nicbt verkennen kann, daß
hierin eine Anspielung auf die cnusn noskrne Inetitiae und
rosa m^skica der lanretanischen Litanei enthalten sei. Die
Dreifaltigkeit, symbolisch dargestellt, zeigt daö Wappen des
N e i n m a r von Zwet c r. — Die Sichel, welche H einri ch v.
Tettingen führt, ist daö Attribut der hl. Notburga, der
Nvst, welcher bei Heinrich der No st vorkommt, ist Sym-

bol für St. Laurentius. Die drei Würfel im Wappen des
Dichters Stad cg ge erinnern an die Marterwerkzeuge Christi
oder an das Attribut des Apostels Matthias.
Von den drei Jagdhörnern als Symbol des Festes Mariä
Verkündigung und des Erzengels Gabriel als pmrnn^lrrplwm
war scbon öden bei den Reifen (ir/mplrnrich die Rede. Dem
Dichter Nein mar von Brennberg (angeblich ans der
bayerischen Oberpfalz), erschlagen vor 1276, werden als Wap-
pen die drei roten Stufen in Silber gegeben. Diese Figur,
welche bei den Heiligcnbcrg, dem Dichter Wernwag und anderen
als Wappen sieb findet, ist die symbolische Knnstform für das
Fest prnesLlrtnkio Nnrinc: und für die Kirchen tariere nU
ZrackuL. Der silberne, siebenstrahlige Stern in blau, den der
Dichter TroSbcrg führt, gilt bekanntlich als daö Symbol
der consolnkrix cMicworum der lanretanischen Litanei. Man
könnte noch mehrere bezügliche Beispiele anführen. Für sie
Uebersicht genügen jedoch die gegebenen.
Nr. 43, Tafel 22. Daß der Name Milo von Sc fe-
lin gen (Söflingen an der Blau bei Ulm) eine Entstel-
lung ans Meinloh von Sevelinge» ist, mag als erwiesen be-
trachtet werden. — Der Name Milo darf nicht als Vor-
name anfgefaßt werden, der ans dem griechischen IVIiloon ent-
standen sei. Es ist der Geschlechts- oder Familiennamen
Min loh (Meinwald, ans Maginwald großer Wald) ent-
standen. Das ir wird am Ende der Silbe im Manesse-Eodex
wie auch in anderen Quellen nicht selten ausgelassen, wie
in Stndengast für Stnndengast, Nifen für Ninfen, Wetzcl von
Marsilicn für Wentzel von Marsilien, IVle§LuUe für Men-
goldns. Die ähnlich gebildeten Namen sind nicht selten und
werden als Tauf- wie als Familiennamen gebraucht, wie Mein-
hold, Meinbach , Mei n wart, Mci n rad, M einh a r t,
M einh a r d, M eing a u d (IVlcn§oIclus), M einnlphn s.
Auch zur Bezeichnung von Wäldern kommt der Name vor, wie
Maiwald bei Obcrkirch, was nur den großen Wald bezeich-
net. Ob lVUioir Lovilarius in Ulm 1244 eine Latinisicrnng
des Namens sei, lasse ich unentschieden.
Der Manesse-Codex giebt diesem schwäbischen Dichter
von 1180 drei silberne Löwen-, oder Affen-, oder Wildkatzen-
(Knder)köpfe en face mit goldenen Kronen I* in schwarz
als Wappen. Die Helmzier ist in der Weingartner Lieder-
handschrift heransgegeben von Pfeiffer und Fellne r 1843,
als zwei goldene Affen-, oder Löwen-, oder Katzenschwänze
gestürzt d. h. das Ende nach oben gekehrt, gezeichnet. Da der
Name Mcinlvhe (magin Lohe großer Wald) einen ausgedehn-
ten Forst- oder Waldkomplex bedeutet, so liegt es nahe, die drei
silbernen Kuder oder Wildkatzenköpfe als ein sprechendes Wappen
zu erklären. Hienach sind jene Köpfe die Gesichter der Wild-
katze oder deö Walvkndcr (IWlis cntus lerus), welcher damals
in Schwaben in dichten Wäldern häufig war und als Repräsentant
der vierfüßigen Waldbewohner gelten konnte. Im Manesse-Eo-
dcx sind die zwei goldenen Löwenschwänze der Helmzier so ge-
wunden und geformt, daß man sie leicht für Fischangeln Hal-
len konnle. In der Weingartner Liederhandschrift gleichen
die drei Löwenköpfe mehr dreien Kuder-, oder Wildkatzen- oder
Affenköpfen. Die Kritik hat mithin zu entscheiden, welche der
Zeichnungen die meiste Wahrscheinlichkeit für sich habe. Der
Affe d. h. die Meerkatze und sogar gekrönt kommt in der
Heraldik weit seltener, als der Löwe oder seine Teile oder als
die Wildkatze vor. In der Symbolik wird der Affe ebenfalls
seltener, als der Löwe verwendet. Gewöhnlich ist der erstere
Sinnbild verschiedener Laster und Thorheitcn oder Eigcnschaslen
des Teufels. Darauf mag auch der schwarze Schild Hin-
weisen. (Fortsetzung folgt.)
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