Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 13.1895

Page: 47
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ans einmal verschwunden; und es fing dagegen
die allertranrigste Tragödie an, welche leider
wirklich durch mehr als 13 volle Stunden fast
unausgesetzt fortgesetzt ward.
In Begleitung der zwei obenerwähnten, in
der Gesindestube Vorgefundenen französischen Mus-
ketiere, die mehreremal ihre Bajonette ans ihre
Schießgewehre aufgepflanzt hatten, sprang der
von seinein Fuchsen herabgesprnngene, von seinem
borstigen Schnurrbart heraus Mord und Tod
tobende patriotische Husar (meergrün gekleidet
und mit gelben Schnüren garniert) in ein paar
Juckern die Hansgangsticge hinauf, gerade ans
mich los und dicht an mich hin, setzte seinen ge-
spannten sehr kurzen Karabiner fest und un-
mittelbar ans meine Brust und donnerte mich
mit folgendem Gruß an: „Pastor, gieb Geld
her, oder ec." Rechts und links an mich halten
sich sogleich seine zwei Naubgesellen postiert;
zur etwas entfernteren linken Seite erblickte ich
meine vor Furcht znsammengerüttelte Hauserin
und nahe an ihr meinen quasi am Kopf krazen-
den und daß ich ja nicht lüge, jetzt gerade nicht
ganz nüchternen hoch- und vielgeachteten Herrn
Mesner. Ich, so viel ich mich noch erinnern
kann, schickte in der Eile einen freilich ganz kom-
Pcndiösen doch von etwas Neue über meine Sün-
den und Ergebung in Gottes Willen begleiteten
Kraftgedanken zu Gott, meinem Schöpfer, Erlöser
und vielleicht augenblicklich Richter, öffnete (ich weiß
nicht warum) meine Skapnlierknöpfe, um meine
blose Brust zeigen zu können, riß zugleich, da
soeben der rasende Husar seinen schrecklich langen
Pallasch ans mich lvszvg, auch die Haften meines
Halskrngens auseinander und sagte, mir wahr-
haftig ganz gegenwärtig, folgende in meinem
Gedächtnisse noch gar wohl präsente Worte zu
dem Wildfange: „Wenn du vom einzigen Herrn
über aller Menschen Leben und Tod berechtigt
bist, mir, der ich dein Feind nicht bin, mein
Leben zu nehmen, ei so schieße oder Hane in
Gottes Namen!!" Nun zeigte es sich aber in
Bälde und ganz deutlich, daß es meinen Gästen
keineswegs um mein elendes Leben, sondern
lediglich um das, was ich als Religiös nie wirk-
lich das meinige nennen konnte, zu thun war.
An meinen beiden schwachen Armen von den
zwei Musketieren, die ihre anfgepflanzten Bajo-
nette an meine Brust fest anstemmten, gehalten,
mußte ich mich ganz natürlich der ersten von
dem Husaren an mir vorgenommenen körperlichen
Untersuchung und der damit verbundenen Plün-
derung aussetzen. Weg waren nun in etlichen
Augenblicken meine Sacknhr, meine mit etiva 10
bis 12 fl. Silbermünze gespickte Geldbörse, Ta-
baliöre, Nastnch, Sackkalender, Sack- und Garten-
messer. Baggalellien! fluchte jetzt der aufge-
brachte Husar, vH Baggalellien t allons! Du Pastor!
bou§,e! Lanaille! gieb Geld, gieb mehr Geld,
gieb Gold! gieb dicke Thaler her! gieb Karlin,
Uvnisdvr her oder du glcik kaput! Mord! Tod!
w." Nun ward ich rückwärts in die vom Husaren
leibst geöffnete Thürc meines Wohnzimmers ge-
druckt und da augenblicklich der Schlüssel, unter
den vernehmentlich deutschen Worten: „Allons!
geschwind mack uf" zu dem linkerseits ans einem
Kvmmodkasten stehenden geschlossenen Pulte abge-
sordert und da ich eben selber in meinen schon

ausgeleerten Taschen nachsnchle, mit Musketen- und
Karabinerkvlbcn anfgeschlagen. Da nun just in
diesem Pulte mein sämtlicher etwa 140 fl. be-
tragender Geldvorrat anfbewahrt gewesen, so
ging es von seiten der drei Plünderer an ein
wechselseitiges Kribs—Krabs —Krubs, unter be-
ständigem Parlieren, wovon ich keine Silbe
verstand. Doch sah ich dabei ganz wohl, daß in
ein paar Minuten all mein Silber- und Knpfer-
geld (Gold hatte ich seit etlichen Jahren keines
mehr zur Hand gebracht, 3 Tabellieren, wovon
zwei verehrte ziemlich köstlich, alles silberne Tnfel-
geräte re. und noch andere, nicht sonders beträcht-
liche Pretiosen weggekapert waren. Marsch! vor-
wärts ! war nun das Losungswort des kom-
mandierenden Husaren; allons! in die clmmbre
das ist in meine nächstanliegende Schlafkammer. Im
! Augenblick war da ein zweites, nahe an meiner
Bettstatt situiertes Pult, in welchem das wenige
Vermögen meiner blutarmen Kirchenfabrik und
das Archiv anfbehnlten wird, mit ein paar
Flintenstöhen in mehrere Splitter zertrümmert,
das ganze in etwa 56 fl. bestehende vorrätige
Geld zusammengerapst und sogar nicht einmal
auf die wiederholt gemachte Erinnerung meines
Mesners, daß dieses Geld nicht dem Pfarrer,
sondern der Kirche gehöre, Rücksicht genommen.
Flugs kehrte man sich nun links um und machte
den dritten Angriff auf meinen sehr gut einge-
richteten Kleiderkasten, der, weil der Schlüssel
ansteckte, nicht erbrochen werden durfte. In xiner
Zeit von etwa 8—10 Minuten wurden alle meine
Hemden, Schlafhauben, Sommer- und Winter-
strümpse, Nasen- und Handtücher re., kurz alles
das Bessere zusammengepackt und in die ans der
Brust anfgerissenen Hemder der Räuber rechts
! und links so häufig eingeschvppt, daß selbe ivirk-
! lich Bäuche und Ranzen wie tragende Kröten
bekamen. Ich, meine Hauserin und mein höchst
schätzbarer aeckituns, der hier und da sich mit
den Worten verlauten ließ: „Ei! Herr Pfarrer!
As ist doch gar, wenn sie noch a Mol ns am
Hns wäret," sahen der Einpackung gelassen zu.
Einer von den Sauhunden, ein Dickwampl, zog
sich nackend aus, warf mir sein über und über
versalpetertes, mit Gewandlänsen durchgespicktes
Hemd direkt zu meinen Füßen und zog dafür
zwei andere funkelnene über seinen Saukopf an.
Nach noch anderen ebenso sauberen Nnsanber-
keiten und Jnsolenzien stoppelten sie ihre Säcke
zusammen, rißen zwei meiner besten Ordenshabile,
einen noch ganz neuen kurzen und einen noch
! ganz gut erhaltenen grauen Kaput- oder Reise-
rock von den Nägeln ab, warfen sich selbe auf
! ihre Achseln, stießen mir all das Geraubte mit
lachendem Hohngezische unter mein Angesicht und
! machten sich stracks an mir vorüber, zuerst in
mein Wohnzimmer, von da ans den Hausgang
und endlich in voller Autorität, gleich ob sie,
diese wahrhafte nenfränkische Diebeshelden, den
! wichtigsten Sieg erfochten hätten, ihre Schießge-
wehre immer recht steif am Boden aufschmetternd,
die Hausstiege hinab in die Gesindestnbe, Hier
^ nun ward das mir geraubte Geld — ich weiß
^ nicht friedlich oder nnfriedlich — unter den Par-
tizipanten verteilt, mitunter aber eine Bonteille
Wein nach der andern auf des Herrn HanS-
patronS Gesundheit ansgeleert. Nach etwa Or
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