Beck, Paul [Hrsg.]; Hofele, Engelbert [Hrsg.]; Diözese Rottenburg [Hrsg.]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 13.1895

Seite: 48
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Stunde fiel eZ mit eincmmalc mciucm schar-
manten Atesner ein, durch Sturmläuten mich
vvn luciucu Gästen zu befreien. Ganz ohne alles
mein Borwissen schlich der Tölpel mit seiner
Kalliope auf den Turn: und zog aus allen
Kräften sämtliche drei Glocken an. Das Geläute
hörend, murmelten die drei um den Tisch hernm-
jitzendeu, mehr als nur oberflächlich erprobte,
selbst in ihrem Genüssen schuldig anerkannte Spitz-
buben einander laut zu: „Was das! Sturm!
Sturm!" Augenblicklich packten sie ihren Raub,
jeder in seinen Tornister, zusammen, hntschclten
unter bonckrs mordleu und weis; nicht was für
anderen Flncharten zur vorderen Hansthüre hin-
aus, der Husar aber an des MesncrS, seines
größten Wohlthäters Hans den Berg hinab.
In meinem Zimmer und Kammer lag nun alles
unter und über sich; beide Pulte waren zer-
trümmert, alle Schubladen aus den Kommoden
nmgestürzt, stromweis Bücher und Schriften um-
herzcrstrent, kurz alles und an allen Enden in
der abscheulichsten Unordnung. Ich mich mit dem
noch tröstend, daß mir der eine oder andere kurze
Habit (der längere war schon verschwunden) und
in einem Winkel des Hauses noch etwas weniges
von alten, zur künftigen Wäsche aufbewahrten
Kleidungsstücken übrig geblieben war, genoß aber
wahrhaftig ohne allen Appetit meine Nachtcolla-
tion (es war eben Freitag), ein liudgesottenes,
aber heute sehr hart gewordenes Ei, trank, da
ich hehr durstig geworden, zwei Glas mit Wasser
wohl zur Hälfte abgelöschtem Wein, überdachte
bei und mit mir selbst, mit welch lamentabeln
Ausdrücken ich gleich morgen und zwar in aller
Frühe durch meinen Knecht meine fast gänzliche
Ausplünderung und zumal totale Entblösnng
Vvn allem Pfarr- und Fabrikgeld an das Gottes-
haus ciuberichten und um Hilfe und Unterstütz-
ung ansnchen wollte. Nun wickelte ich mich in
meinen Schlafrvck ein und begab mich ganz er-
müdet etwa um Us ö Uhr zur unruhigsten Nacht-
ruhe in meinem Leben. Nicht eine ganze Viertel-
stunde war verstrichen, als plötzlich nach etlichen
an die vordere Hansthüre gemachten gewaltigen
Stößen und durch Anwendung gewisser, zu dem
Ende mitgebrachter Werkzeuge und Hebeisen die
aufs beste verriegelte, sogar verrammelte Thüre
ganz ans ihren Angeln gehoben und einwärts
in das Hans geschmissen worden. Das damit
erzeugte Getöse erschütterte das ganze Gebäude.
Nun drang, wie ein Strom die zweite., ans
wenigstens 16 — 18 Köpfen bestehende Patrioten-
rotte herein, stürzte sogleich auf den oberen Hans-
gang, gerade vor meine Zimmerthüre und stieß
einigemale aufs rasendste in selbe. Mir blieb
nur soviel Zeit übrig, daß ich in möglichster
Hurtigkeit den Schlafrock abwerfen und dafür in
den nächsten besten, zu meinein Unsterne aber
gerade ältesten und zerlumptesten Ordenshabit
schliefen und so sehr ich auch eilte, nicht ein-
mal mehr die nächstgelegenen, zuvor abgelegten
Strümpfe oder Schuhe anzichen konnte. So
äußerst elend bekleidet ging ich den im nämlichen
Augenblicke in mein Zimmer einstürzenden, Mord
und Tod vor sich herfänmenden zahlreichen Fein-
den entgegen. Durch den unerwarteten Anblick
der völligen Zerrüttung und Verwirrung aller

Enden und Ecken meines ZimmerS, in ihrem
vvrhabendeu Nanbgeschäst vvn ihren Kameraden
prätcricrt worden, folgsam zu spät gekommen
zu sein, äußerst aufgebracht und darüber völlig
rasend, forderten sie mit Ungestüm Geld von
mir, Gold, Thaler rc. und drohten mir im Ber-
weigernngsfalle augenblickliches schiielleS Zusam-
mensäbeln. Mindestens drei dieser Ungeheuer
hatten wiiklich ihre funkelnden Pallasche über
meinem Kopfe aufgeschwnngen, als ich mit einem
ganz kurzen: „O! inlserere inei Heus!" meine
sündige Seele mehreremale in die Baterarme
ihres göttlichen Erretters empfahl. Ein paar
Schritte vor mir zappelte meine zitternde und
helllant: Jesus, Maria, Joseph! schreiende Hau-
serin. Ich aber ward von allen Seilen ganz
zirkelförmig von den heißhungrigen und geld-
dnrstendcn Wölfen nmrnngeu. Mit möglichster
Gelassenheit und ganz gebrochener Stimme sagte
ich zu ihnen, sie hätten keinen ihrer Feinde vor
sich und daß mir vor etlichen Stunden all mein
Geld schon geraubt worden. Ich wies und zeigte
ihnen zum Beweis der Wahrheit die erbrochenen
Pulte, ansgeleerten Kommode n. s. w. und bat
mit gefalteten Händen um Schonung. Einige
der Patrioten begaben sich nun vvn mir weg,
fingen an, alle und jede Winkel, Schränke, Bücher,
Gestelle w. aufs allergenaueste zu durchsuchen.
Die geringsten Kleinigkeiten, z. B. Stahl, Feuer-
zeug, Schuhschnallen, Bürsten, Federmesser ec.
wurden eingesackt. (Fortsetzung folgt.)
Morizen.
Waffcnsam m l» ng Kuppel m a y r. Die
berühmte, schon vor ca. 50 Jahren angelegte
Waffensammlnng deS i. I- 1888 zu München
ß Baumeisters Max Knppelmnyr, der durch rast-
losen Eifer und Kenntnis eine der bedeutend-
sten Privatsammlnugen Deutschlands zusammen-
brachte, kommt am 26.—28. März d. I. in
Köln durch I. M. Heberle (H. Lcmpertz'
Söhne) zur Versteigerung. Die Stücke stammen
ans allen Kulturländern des Mittelalters und
ist nicht allein Deutschland, darunter auch Schwa-
ben, so Arbeiten ans Augsburg, illm, ans
v. Frehbergschem Besitz rc. und Oesterreich, son-
dern auch Italien, Spanien, Frankreich und nicht
zum wenigsten die Schweiz mit Prachtstücken
und hervorragenden historischen Seltenheiten in
bedeutender Anzahl vertreten. Dem sachlichen
643 Nummern (Schutz-, Angriffs- und Schuß-
waffen, Feldspiel und Ethnographisches) umfassen-
den Kataloge, welcher auch in einfacher, nicht
illustrierter Ausgabe zu beziehen ist, einem
Prachtwerke für sich, sind die sämtlichen Waffen-
schmiedmarken der Sammlung in Facsimileab-
druck nebst 30, von der Knnstanstalt „Graphvs"
in München hcrgestellten trefflichen Lichldrnck-
tafeln in gr. Fol. beigefügt und der Ursprung
nach Möglichkeit angegeben. Das Katalogwert
umfaßt eine in sich beinahe ganz geschlossene,
kulturgeschichtliche Entwicklung der Schutz- und
Trntzwaffen des Mittelalters. Die Auktion der
ebenfalls bedeutenden Kunst- und kunstgewerb-
lichen Sammlungen Knppelmnyrs findet voraus-
sichtlich im Mai d. I. statt. —cll.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges.-„Deutsches VolkSblntt".
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